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Ausstellungen: Kiel · von Jens Rönnau · S. 231 - 233
Ausstellungen: Kiel ,

Kiel / Berlin
Modell-Naturen in der zeitgenössischen Fotografie

Stadtgalerie Kiel 14.09. – 24.11.2019
Alfred Ehrhardt Stiftung Berlin 11.01. – 17.04.2020

von Jens Rönnau

Spätestens seit den verheerenden Weltkriegen und den Debatten um Umwelt und Naturzerstörung in den 1970er Jahren entwickelten sich in der bildenden Kunst neue Blickrichtungen auf das traditionelle Sujet der Landschaftsdarstellung. Zu Malerei und Grafik gesellten sich die Objekt- und Aktionskunst sowie die Landart, was mit Christos Verhüllungen oder in Kassel mit dem nachhaltigen Eichenprojekt von Joseph Beuys zu Höhepunkten fand.

Eine relativ neue Richtung zeigt sich in künstlerisch gebauten Naturwelten, obwohl der spielerische Nachbau realer Welten wohl schon immer ein Faszinosum der Menschheit gewesen sein muss – man denke nur an die possierlichen Miniaturwelten von Modelleisenbahnen, die so ihre eigene Fangemeinde haben. Vielleicht sind sie auch Vorbild für jenen Trend der jüngeren Kunstszene, die sich Modell-Naturen widmet. Ihnen ist jetzt eine Ausstellung gewidmet, die in diesem Jahr bereits im Kallmann-Museum Ismaning und in der Ludwig Galerie Saarlouis gezeigt wurde, aktuell in der Kieler Stadtgalerie zu sehen ist und anschließend in der Alfred Ehrhardt Stiftung Berlin – letztere als Impulsgeber und wichtigster Finanzier des Projektes.

Es ist eine internationale Gruppenausstellung mit 19 Positionen künstlerischer Fotografie. Den Bildern sieht man es – zumindest auf den ersten Blick – kaum an, dass es sich tatsächlich um Modelle handelt, die oftmals in mühsamer Handarbeit gebaut wurden. Dazu begeben sich die Fotokünstler zunächst auf die Suche nach möglichst echt wirkenden Materialien, die ihrer Landschaftsvorstellung nahekommen. Wie die nachgebauten „Landschaften“ dann abgelichtet werden, macht den jeweiligen Reiz der Werke aus. Denn manch einer versteckt jede Künstlichkeit, sucht die perfekte Täuschung – etwa als Analogie zur hyperrealistischen Malerei. Andere spielen damit, lassen die Betrachter etwas suchen im Bild, bis sie die Logik der Entstehung oder der wahren Dimensionen verstehen. Und schließlich gibt es solche, welche die Betrachter geradezu teilhaben lassen an ihren Gestaltungsprozessen.

Zu letzteren zählt der Belgier Hans Op de Beeck, der seine Naturen wie auch Stadtlandschaften im Gegenlicht einem Schattentheater gleich genüsslich vor laufender Kamera zusammenbaut und wieder zerlegt. Dies zeigt er dann als Video im Dunkelraum, wo die bauenden Hände zu universellen Gestaltern geraten. Sicher nicht von ungefähr drängt sich der Vergleich zur Hand des göttlichen Schöpfers auf, mit dem sich der Künstler hier einerseits ironisch auf eine Stufe zu stellen scheint. Anderseits aber handelt es sich hier gleichermaßen um ein scheinbar unbekümmertes Spiel wie um eine sarkastische Darstellung der menschlichen Vermessenheit im heutigen Umgang mit der Natur und ihren Ressourcen.

Dieser tiefere Sinn dürfte die Grundlage aller gezeigten Arbeiten der Ausstellung sein, die eher als Gegenpol zu jenen gebauten Landschaften der Modelleisenbahner zu begreifen sind. Da ist etwa der amerikanische Fotograf und Filmemacher David LaChapelle, der festlich beleuchtete Tankstellen mitten in Urwaldlandschaften platziert. Zielgerichtet greift er hier das Klischee des Surrealen auf und treibt es in seinen Fotoarbeiten zu Bildern, die gar heimelige Partyatmosphären assoziieren lassen. Ebenfalls gewollt im Klischee bleibend erscheinen die Arbeiten der in London lebenden Suzanne Moxhay: Sie lässt düstere kleine Wälder wachsen – mal ganz im Sinne der deutschen Romantiker in alten Ruinen, dann wieder im großen Festsaal auf massivem Holzbohlenparkett. Dabei verarbeitet sie so nebenbei Motive der Kunstgeschichte wie die Rabenvögel von Caspar David Friedrich oder die irrealerweise brennenden Lampen des René Magritte.

Ganz direkt imitiert der New Yorker James Casebere Friedrichs Eismeer, wobei er indes auf dessen gestrandetes Schiffswrack im Bild verzichtet. Man könnte das symbolisch begreifen: Wo Friedrich und seine damaligen Malerkollegen den Menschen in der Natur verorten wollten, wird heute nach der Natur an sich gefragt. Zugleich erzeugt Caseberes „Sea of Ice“ ein klammes Unbehagen, kein spannendes Naturphänomen, sondern eher gruselige Endzeitstimmung. Und dem lassen sich einige Positionen der Ausstellung anschließen: David Levinthals vernebelte Kriegslandschaften ebenso wie Edwin Zwakmans nächtlich-bedrückende Hafenlandschaft oder Kim Keevers farbschimmern-phantastische Urlandschaften ohne jegliche (Über-) Lebensperspektive oder die sich über einen Swimmingpool ergießende Tsunamiwelle von Jojakim Cortis und Adrian Sonderegger. Ähnliches gilt für die umfangreich präsentierten Bilder der aus Siegen stammenden Wahl-New-Yorkerin Sonja Braas mit ihren unendlich scheinenden Schneebergen und Meereslandschaften wie auch der indifferenten Horizontbilder der Finnin Maija Savolainen. In diesem Sinne baut die aus Düsseldorf stammende Wahlbritin Mareile Neudecker mit Salz und Lebensmittelfarbe Miniaturgebirge in Kunstglasvitrinen nach.

Da entlockt einem der in Boppard lebende Frank Kunert mit seinem sommerlichen Grashügel mit Baum und roter Parkbank auf einem PKW-Anhänger in winterlicher Industrielandschaft schon eher ein Lächeln, wie auch der Münsteraner Thomas Wrede mit seinen moosbedeckten Steinen, die er mittels kleinem Modellhäuschen zur Gebirgsformation geraten lässt.

Die Ausstellung wird von Marie Christine Jádi für die Berliner Alfred Ehrhardt Stiftung kuratiert, die auch ein Katalogbuch herausgeben konnte. „Die gebaute Natur“, sagt sie, „ist heute als Thema aktueller denn je.“ Wie wahr, wenn man bedenkt, wie der Mensch sich seine Natur in jedem Sinne Untertan macht, sie durch physische Eingriffe ebenso wie durch Gentechniken und medizinische Errungenschaften selbst meint gestalten zu können – und wie er sie durch all seine Zerstörungsmöglichkeiten wie Verkehre, Kriege und Gifte aller Art sehenden Auges zugrunde richtet. Wo hat da ein Blick auf die Erhabenheit der Landschaft seinen Raum im Alltagsgeschehen, wo bleiben die Sinne für das Sublime in der Natur? Die Ausstellung hält spielerische, kritische und höchst ironische Antworten dazu bereit – in Zeiten, wo „unsere“ Natur im wahrsten Wortsinn davonschwimmt.

Katalog mit Abbildungen aller Künstlerinnen und Künstler und Texten von Marie Christine Jádi, 96 Seiten, Michael Imhof Verlag, 19,95 Euro.

www.stadtgalerie-kiel.de
www.alfred-ehrhardt-stiftung.de