Titel: von hier aus , 1984

Modelle der deutschen Kunstkritik

„von hier aus“ in der überregionalen Tagespresse
von Bernhard Passel

Daß die deutsche Kunstkritik in der Tagespresse heute ein eher trostloses Bild bietet, ist eine allbekannte Tatsache, und niemand regt sich darüber auf. Man hat sich daran gewöhnt, daß die Kritiker – von Ausstellung zu Ausstellung, von Buch zu Buch, von Gedenktag zu Gedenktag hechelnd – gleichmäßig ihre mehr oder minder gewichtigen, mehr oder minder geistreichen Gedanken vorführen, stets darauf achtend, daß möglichst wenig hängen bleibt und daß das Prinzip des Journalismus erfüllt wird: Am nächsten Tag ist alles vergessen! Seit Jahren ist in den überregionalen Blättern – „Frankfurter Allgemeine Zeitung“, „Frankfurter Rundschau“, „Süddeutsche Zeitung“ oder „Die Zeit“ – kaum eine zitierfähige „Idee“ zur aktuellen Kunst vorgeführt worden, geschweige, daß Kunstpositionen diskutiert oder untereinander fundiert in Beziehung gesetzt worden wären. Bleiben die Anmerkungen zu überschaubaren Kunstereignissen (Einzelausstellungen etwa, mit hilfreichen Katalogen) oft einigermaßen sachlich fundiert und damit relativ goutierbar, so sind die Kritiken zu größeren Kunstveranstaltungen durchgängig indiskutabel. Mit dem Blick auf „documenta“, „Zeitgeist“ oder – jetzt – „von hier aus“ läßt sich als eiserne Regel für die deutsche Kunstkritik feststellen: Je komplexer das Ereignis, desto dürftiger die Kritik! Dies ist nun keineswegs Zufall, sondern besitzt seine kunstpolitische Legitimierung.

Die „führenden“ Kritiker sind fast sämtlich gegen solche Großveranstaltungen. Sie sehen sie als spektakuläre Benutzungen der Kunst für außerkünstlerische Zwecke, ein Aspekt, der durchaus – vor dem Hintergrund kunstsoziologischer Überlegungen – diskutiert werden könnte. Doch hierzu kommt es in den Kritiken nie. Zwar wird dieser Aspekt angesprochen, doch wird er…

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