Titel: Politik, Ethik, Kunst - I. Politische Kunst · von Larissa Kikol · S. 46
Titel: Politik, Ethik, Kunst - I. Politische Kunst , 2018

Nett geknebelt

Zur Schalldichte der „L’art politique pour l’art politique“
von Larissa Kikol

Kunst existiert um ihrer selbst willen. Der Zweck der Kunst ist die Kunst. Die ästhetische Theorie des „L’art pour l’art“ des 19. Jahrhunderts begleitete den Unabhängigkeitskampf der bildenden Künstler aus dem Einflussgebiet der Kirche, des Hofes sowie der Mäzene und legte sogleich den Grundstein dafür, dass sich die Kunstwelt intellektualisierte. Die Erfindungen der modernen Kunst wären ohne die deklarierte Gestaltungsautonomie der „L’art pour l’art“-Befürworter in dieser kunstgeschichtsschreibenden Innovationskraft wohl nicht zustande gekommen. Die Anhänger dieser Bewegung strebten eine Kunst an, die sich unabhängig von realen Geschehnissen und aus dem Leben herausgelöst, nur nach kunstwerkimmanenten Notwendigkeiten begründen lässt. Der Inhalt, der sich aus dem Leben speist, sollte nicht länger eine ihm dienliche Gestaltungsform bestimmen. Stattdessen setzten sie die subjektiven, ästhetischen Formentscheidungen, wie Farbe, Licht, Pinselführung und Komposition über die Vermittlung von Botschaften und Geschichten. Dieses Umdenken setzte wahrlich evolutionäre Kräfte frei.

Doch auf aktuelle politische bzw. ethische Kunst kann der unabhängige Selbstwert der Kunst des 19. Jahrhunderts nicht zutreffen. Politische Kunst kann nicht um ihrer selbst willen existieren, da ihr politisches Engagement nur in Abhängigkeit zum Rezipienten, zum Leben und durch das werkimmanente Kommunikationspotential zu Tage tritt. Oder, um es mit der umgekehrten Metapher von Théophile Gautier zu formulieren: Ein praktisches Gefäß muss in diesem Fall einer schönen Vase vorgezogen werden. Das „L’art pour l’art“-Konzept kritisierte schon Friedrich Nietzsche, der es mit „der Teufel hole die Moral“1 übersetzte. Der Kunsthistoriker Beat Wyss schrieb über die…


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