Ausstellungen: Innsbruck · von Michael Hauffen · S. 294
Ausstellungen: Innsbruck ,

NICHOLAS BUSSMANN

Amelica

Taxispalais Kunsthalle Tirol, 01.07. – 16.09.2018

von Michael Hauffen

„A dialect is a language with an army.“ Dieser Satz, der dem jüdischen Sprachforscher Max Weinreich zugeschrieben wird, steht paradigmatisch für die Einzelausstellung des Musikers und Komponisten Nicholas Bussmann, der sich allerdings nicht an Gattungsgrenzen hält, und vermittelt über den Einsatz multimedialer Techniken auch auf dem musealen Parkett zu agieren versteht. Umgekehrt bedeutet das, dass bildnerische Arbeiten hier mehr als sonst üblich über eine entscheidende akustische Dimension verfügen. So ist in dem Youtube-Video, das einen Wikipedia-Eintrag über Weinreich und den eingangs zitierten Satz für Blinde hörbar macht, zunächst nicht viel zu sehen. Ein Vorlesecomputer verwendet modernste Algoritmen, aber nur für die Audiospur. Am unteren Bildrand erscheinen dann automatisch Untertitel für Gehörlose. Interessant wird es bei den Passagen in Jiddisch, an denen die Programme heillos scheitern, wobei sie nonsense produzieren, der das sprachliche Machtgefälle in erstaunliche Klangund Zeichenformationen umschlagen lässt.

Auch die Besucher der Ausstellung werden mit Zeichensystemen konfrontiert, die ihre rezeptiven Grenzen herausfordern. Schon vorab, am Eingang ins Taxispalais, stellt sich ihnen eine Videoarbeit in den Weg, die auf zwei klobigen Röhrenmonitoren zeigt, wie der Serviceangestellte eines tokiyoter Verkehrsunternehmens einen Neuanfänger in das Repertoire von Gesten und Bewegungen einweist, das bei der Zugabfertigung den optimalen Personenfluss befördern soll. Eine Aufforderung, das Mimetische in der Kommunikation zu beachten, dessen vorbegriffliches Vermögen häufig verkannt wird, und daher unbemerkt instrumentalisiert werden kann? Auch der darauf folgende Akt des Eintritts in die eigentlichen Ausstellungsräume beginnt mit einer Irritation: abweichend von der regulären Ausstellungsroute werden die Besucher durch…

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