Titel: Häuser II. Der Geist der Schwelle · von Jürgen Raap · S. 98
Titel: Häuser II. Der Geist der Schwelle , 2007

Jürgen Raap

Nomaden der Neuzeit

Mobilität als Lebensentwurf und als Schicksal

Der Hausierer zieht von Haus zu Haus und bietet an der Schwelle seine Waren und Dienstleistungen an: Kesselflicker, Scherenschleifer und Kurzwarenhändler übten ihr Gewerbe früher vorzugsweise ambulant aus. Doch nicht immer waren und sind sie wohl gelitten: Schilder mit dem Text „Betteln und Hausieren verboten“ prangen auch in unseren Tagen an den Haustüren. An der Einfahrt zu französischen Campingplätzen verwehren Schilder „Interdit aux Forains et Nomades“ den Landfahrern die Nutzung eines Areals, das ausschließlich für die Wohnmobil-Urlauber reserviert ist – für Sesshafte, die lediglich in den Ferien „On the Road“ (Jack Kerouac) sind, jedoch nicht als „The Tramp“ (Charlie Chaplin), sondern möglichst bequem mit Wohnanhänger.

Campingbewegung

Für die meisten Caravan-Urlauber ist diese Art, Ferien zu machen, individueller als ein Aufenthalt in den Bettenburgen des Massentourismus, und wegen der Möglichkeit zur Selbstverpflegung auch weitaus billiger. Die Camping-Bewegung setzte in den Wirtschaftswunderjahren nach 1950 ein, zeitgleich mit dem Automobilismus der Volkswagen-Generation. Damals war als Unterkunft noch das Zelt vorherrschend, und mit einer Sehnsucht nach dem „Kontakt zur Natur“ und nach der Einfachheit des Daseins verhielten sich diese Zelter mental nicht viel anders als um 1900 die „Wandervögel“ mit ihrer Lagerfeuerromantik.

„Urlaub als Flucht vor dem Alltag (Franz Wassermann): Sinnbild eines solchen Urlaubs ist heutzutage das Wohnmobil. Andere Fluchtgründe haben Asylsuchende, und wo sie in Deutschland oder Österreich von den Behörden abgelehnt werden, ist oft das „Kirchenasyl“ die einzige Möglichkeit eines Schutzraumes, in welchem man vor dem Zugriff der Staatsgewalt sicher ist. Der österreichische Künstler Franz Wassermann hat…

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