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Zeichnen zur Zeit X · von Reinhard Ermen · S. 202 - 205
Zeichnen zur Zeit X ,

Pia Linz

Schon bevor die eigentliche Arbeit des Zeichnens beginnt, ist Pia Linz vor Ort und vermisst ihr Terrain, das Regierungsviertel oder die Schillerpromenade in Berlin etwa, auch den Central Park in New York oder einfach nur ihr eigenes Atelier. Das Ausmessen geschieht mit einer menschenmöglichen Exaktheit, die einen der von ihr gewählten Orte erkundet: Es wird gezählt und gelistet, der eigene Körper ist das Maß dieser Dinge, die Schuhgröße (39) oder die Länge ihrer Schritte. Die Zeichnerin ist im wahrsten Sinne des Wortes bereits im Bild, von Vorarbeit mag man gar nicht mehr sprechen, Linz legt die Fundamente. In die Zeichnung selbst gehen sie als langstielige (graziöse) Koordinaten ein, die sich im eigentlichen Zentrum des Bildfeldes überkreuzen und an den Blatträndern ihre Maßeinheiten absetzen wie in einer technisch bedingten Ablagerung. Im Feld, das so von Senkrecht und Waagerecht definiert ist, hängt sie ihre optische Erkundung sozusagen auf. Gesehenes und Gemessenes kommen überein.

Die Künstlerin ist dafür mit ihrem Zeichenbrett unterwegs. Mittlerweile bearbeitet sie das (gefaltete) Original am Schauplatz selbst. Abends breitet sie die Tagesarbeit im Atelier aus und überprüft die Ergebnisse. Es darf, ja es muss schon mal radiert werden. Es geht schließlich nicht um ein spontanes prima vista, sondern um eine umfassende lineare Erkundung. Da und dort schwimmen auch verbale Notate als Präzisierungen im Netz ihrer Koordinaten. Linz lässt es schon mal zu, dass neugierige Beobachter sich mit einer Telefonnummer oder Emailadresse auf dem Papier verewigen, wie die Meteoriteneinschläge einer mitlaufenden Realität. Das Ergebnis sind ausdifferenzierte Studien von einer grandiosen Übersicht, die gelegentlich mit der Vokabel „Vogelperspektive“ beschrieben werden. Doch der Eindruck eines „Luftbild(s)“ täuscht, selbst der handliche Begriff der „Kartographie“ könnte in die Irre führen. Die Allgegenwart der Wahrnehmung zwischen der sichtbar gemachten Vermessungsarbeit und der protokollierenden Aufzeichnung des Sehens, einschließlich der anderen Realitätssplitter führt zu einem multiperspektivischen Bild, das sich in der „Fläche“ letztlich verdichtet, also in einem (so Pia Linz) „omnipotenten Behauptungsraum, der mir ermöglicht, zwischen fokussiertem Ort und Bildende den undefinierten Rest der Welt anzusiedeln.“

Gelegentlich verlässt Pia Linz den „Behauptungsraum“ der Fläche und begibt sich in eine zwingende Dreidimensionalität. Sie baut sich dafür ortsspezifische Plexiglasgehäuse. Ortsspezifisch meint, dass diese „Hauben“ den Gedanken eines ganz besonderen Arbeitsplatzes technisch, spielerisch aufgreifen und gelegentlich wie Abdrücke der architektonischen Umgebung erscheinen. Die Künstlerin agiert im Inneren dieser Körper und zeichnet auf die transparenten Flächen, was sie sieht, als eine Art endless drawing von 360°, die nur durch die entsprechende Projektionsfläche gebannt ist. Wenn man so will, ist das die Radikalisierung von Blickfelduntersuchungen, die ihre Arbeit in den 90er Jahren bestimmten. Die Zeichnerin im Zentrum aller Perspektiven! Im Gehäuse ihrer Wahrnehmung, riskiert sie während der Arbeit bewusst ein aktionistisches Moment. Auch wenn sie sich unter einen Treppenabsatz des Berliner Funkturms oder in einen Hinterhof der Schillerpromenade verkriecht, so sind das doch öffentliche Orte; abgesehen vielleicht vom eigenen Atelier, das sie schon auf diese Weise in den Blick genommen hat. So gesehen stellt Pia Linz ihr ganz spezifisches Vor-Ort-Sein geradezu paradigmatisch aus. In diesen „Gehäusegravuren“ überlappen sich die Perspektiven, die Betrachter selbst stellen das her, indem sie die Kuben umkreisen. Zu sehen ist außerdem ein irritierendes Innen und Außen. Pia Linz schaute hinaus, wir schauen hinein. Die multiperspektivische Darstellung erscheint unter den besonderen Umständen dieser Aufzeichnungsarbeit fast körperlich greifbar.

Zu den Kontrasten, ja Kontrahenten, die hier schon aufgetaucht sind (etwa Gesehenes & Gemessenes, Raum & Fläche, Außen & Innen) kommen ständig neue, produktive Kontroversen hinzu, etwa die von Detail & Totalität: Das Ganze darstellen, ohne dabei die Einzelheiten aus den Augen zu verlieren und umgekehrt! Diese besondere Quadratur des Kreises gelingt allein durch das Medium der Zeichnung, die in diskreten, aber ausdruckstarken Linien die Einzelheiten bindet und gleichzeitig die Totalen öffnet; und das in einer mikrolinearen Polyphonie, die in detailreichen Darstellungsfeldern fast schon zu einem abstrakten Grau zusammenrückt oder in einigen Detailstudien tonnenartige Krümmungen aufweist wie durch ein superstarkes Weitwinkelobjektiv gesehen. Das sind die spannenden Kulminationsmomente einer Darstellungsarbeit, die weniger abbilden, aufzeichnen oder kartographieren will, als das Sehen, besser: Die Weltwahrnehmung immer wieder neu herausfordert.

PIA LINZ

Geb. 1964 in Kronberg im Taunus, lebt und arbeitet in Berlin. 1983 – 1989 Studium an der Städelschule in Frankfurt am Main. Seit 2016 Professorin für Zeichnung im Fachgebiet Malerei an der weissensee kunsthochschule berlin.

EINZELAUSSTELLUNGEN (Auswahl)
2018 locations, Gallery of Contemporary Art-House of Art of České Budějovice, Budweis; 2016 Central Park- Zeichnungen und Gehäusegravuren, Mittelrhein Museum, Koblenz; ORT, Opelvillen, Rüsselsheim; 2015 Gehäusegravuren und Bleistiftzeichnungen, Galerie Fahnemann, Berlin; Pia Linz – Zeichnungen, Anhaltische Gemäldegalerie, Dessau; Volkspark Hasenheide, anlässlich „HAP-Grieshaber-Preis der VG Bild-Kunst“, Projektraum des Deutschen Künstlerbundes, Berlin.

GRUPPENAUSSTELLUNGEN (Auswahl)
2020 Gezeichnete Stadt, Berlinische Galerie, Berlin; 2018 Follow the Line, Positionen zeitgenössischer Zeichnung, Kunsthalle Sparkasse Leipzig, Leipzig; 2017 Die Linie ist Gedanke- Faszination Zeichnung, Galerie Stihl Waiblingen, Waiblingen; 2016 Ein Loch im Meer, Württembergischer Kunstverein, Stuttgart; 2015 New Frankfurt Internationals II: Solid Signs, Frankfurter Kunstverein, Frankfurt am Main; SpaceLiner, Arter, Istanbul; Viermal Neues auf Papier, Sprengel Museum, Hannover; Ideenlinien- Architektur als Zeichnung, Marta Herford, Herford; Walk The Line. Neue Wege der Zeichnung, Museum Wolfsburg, Wolfsburg; 2014 Contemporary Drawings from the National Gallery of Canada, Art Gallery of Alberta, Edmonton; 2013 Linie, Line, Linea – Zeichnung der Gegenwart, Museo Nacional de Arte, La Paz; 2012 Geschichten zeichnen: Erzählung in der Zeitgenössischen Grafik, Museum Folkwang, Essen.

www.pia-linz.de