Titel: Cool Club Cultures · von Paolo Bianchi · S. 514
Titel: Cool Club Cultures , 1996

Pophistoire als Wissenschaft?

Thesen zu einer popkulturellen »Ideologiekritik«

Der Mainzer Popkultur-Germanist Johannes Ullmaier wünscht sich eine akademische Aneignung der Popkultur. Indem wissenschaftlich interessierte Pop-Journalisten und in etablierten und erprobten Methoden geschulte Wissenschaftler zusammenspannen, soll eine „verständige Pophistoire“ entstehen, welche die Kanonbildung der Popmusik vorantreibt, ohne dabei jedoch den Gegenstand der Untersuchung ins Fahrwasser der gerade „hipsten“ Philosophieanschauung geraten zu lassen. Die neue Popwissenschaft soll sich einerseits vom Vitalismus des Pop, also von seiner „Echtheit“, „Tiefe“ und „Existentialität“ beflügeln lassen und andererseits statt auf soziologischen auf ästhetischen Kriterien beruhen.

Das könnte, so Ullmaier, zu einer „größeren Unabhängigkeit vom Kriterium der Massenrezeption“ führen und würde „tendenziell die Benachteiligung weniger bekannter und vergessener Künstler aufheben, wo sie Großes geleistet haben: bahnbrechende und überragende Bands (etwa This Heat) erführen so notwendig eine beträchtliche Aufwertung, während die Einförmigkeit und ästhetische Irrelevanz mancher ‚Superstarlegende‘ etwas ihres reißerischen massenmedialen Aufputzes entkleidet würde“. (S. 99 f.) Ullmaier erhofft sich mit seiner Pophistoire als Wissenschaft, wie er dies in einem Acht-Punkte-Programm zusammenfaßt, (1) unbekannte „Originale“ freizulegen, (2) „Dubletten“ bzw. Epigonen zu entlarfen, (3) die Hohlheit eines veräußerlichten Vitalismus gegenüber einer „echten“ Vitalität offenkundig zu machen, (4) durch die pophistorische Würdigung verdeckter Meister eine radikale Neuerung herbeizuführen, (5) ein spartenübergreifendes Denken auszubilden, (6) die Beliebigkeit der Zitiererei transparent zu machen, (7) ästhetische Einzelkämpfer zu würdigen und so zum Durchhalten zu ermutigen, (8) all dies als Grundlage einer popkulturellen „Ideologiekritik“ zu benutzen, die nicht unbedingt linkskritischer Natur sein müßte, sondern ebensogut das Resultat eines allgemeinen Humanismus, eines aufklärerischen Toleranzdenkens oder auch einer elitären ästhetizistischen…

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