Kulturpolitik · von Martin Blättner · S. 328 - 329
Kulturpolitik ,

PR-Gag oder realistische Utopie?

Über die neuesten Kongresshallenpläne der Stadt Nürnberg im Rahmen der Kulturhauptstadtbewerbung

von Martin Blättner

50.000 Menschen sollten nach den Plänen der Nationalsozialisten in der gewaltigen Kongresshalle Platz finden. Er blieb als größter Bau auf dem ehemaligen Reichsparteitagsgelände als Treppenhauskonstrukt ohne Halle unvollendet. Die Arbeiten am (von Hitler selbst so bezeichneten) „Koloss“ wurden zwar vor Kriegsbeginn eingestellt, aber von 1940 bis 1943 kamen auch Kriegsgefangene auf der Baustelle für abschließende Arbeiten zum Einsatz. Jetzt holte die Stadt Pläne aus der Schublade, die aus dem Bau ein kreatives Zentrum machen sollen. Die SPD will einen Kontrastpunkt zur Ideologie der Nationalsozialisten setzen. „Dem Rassismus und Größenwahn der Nazis wollen wir ein buntes und vielfältiges Nürnberg entgegenstellen, einen Ort des Austauschs und der Begegnung“, unterstreicht Oberbürgermeisterkandidat Brehm. „Vielleicht legen wir im Innenhof einen interkulturellen Garten an oder pflanzen einen Wald mit Bäumen aus allen Partnerstädten oder Kontinenten.“

Wie lässt sich die Vergangenheit mit einem kreativen Neuanfang überbrücken?

Pläne, Projekte und nicht ausgeführte Vorhaben gab es schon oft und die meisten wurden wieder als untauglich verworfen: So auch ein gigantisches Freizeitzentrum 1987, das an kommerziellen Superlativen kaum zu überbieten war. Soweit kam es nicht. Unter Kulturreferent Hermann Glaser war die „Trivialnutzung“ angesagt. Der meiste Platz wurde an das Quelle-Kaufhaus als Lagerraum vermietet. Doch es gab auch schon frühzeitig kulturelle Ansätze. Das Fränkische Landesorchester durfte ab 1962 Quartier beziehen und bis heute sind dort auch die Nürnberger Symphoniker untergebracht. Der eigentliche Einschnitt zur Aufarbeitung der Geschichte geschah 2001 mit der Eröffnung des Dokumentationszentrums, das keilförmig in den…

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