Ausstellungen: Nürnberg · von Martin Blättner · S. 393
Ausstellungen: Nürnberg , 1995

Martin Blättner

Projekt »Nahverkehr«

Abbruchhaus in der Großweidenmühlstraße, Nürnberg, 23.7. – 13.8.1995

Die „Kommunalka“, die sowjetische Kommunalwohnung mit mehreren Hauptmietern, gemeinsamer Küche und Dauerlicht im WC hat sich im Westen bislang kaum durchgesetzt. Die Träume der Kommunarden aus der APO-Zeit geistern zwar noch in vereinzelten Wohngemeinschaften fort (wobei sich gezeigt hat, daß der Verzicht auf Privatsphäre nicht immer eine Abkehr vom Spießbürgertum garantiert), gesiegt aber hat letztlich der Wunsch nach der bezahlbaren Eigentums-Wohnung, auch wenn er oft eine Utopie bleibt. Zumindest haben derzeit weniger die Hausbesetzer ein leichtes Spiel, um an billigen Wohnraum zu kommen, als vielmehr die kühl kalkulierenden Immobilien-Spekulanten, die leerstehende Wohnräume in lohnende Wohneinheiten umwandeln wollen.

Ganz wenige Hausbesitzer sind so uneigennützig und stellen Künstlern – wie jüngst in Nürnberg geschehen – ein Abbruchhaus für ein Rauminstallations-Experiment zur Verfügung, bevor es abgerissen wird, um einem Künstlerhaus Platz zu machen, das Max Bill konzipiert hat. (Der Eigentümer hat übrigens auch einmal ein Künstlerhaus in seinen Firmenbesitz umgewandelt). Was also lag für die jungen Kuratoren Leni Hoffmann und Kathrin Böhm näher, als das Wohnhaus selbst zum Thema der künstlerischen Auseinandersetzung zu machen. 16 Künstlerinnen und Künstler der Münchner Kunstakademie konnten für die Aufgabe gewonnen werden, künstlerische Positionen „im Spannungsfeld der verlassenen Räume“ vom abbruchreifen Haus und der Umgebung zu formulieren.

Stefan Schessl setzte zusammen mit Ursula Kastner ein weithin sichtbares Zeichen, indem er die Fenster nach außen verspiegelte und so den Passanten einerseits anlockte, andererseits ihn zu Fragen provozierte, die das gewohnte Verhältnis zwischen Innen- und Außenraum betreffen: Der Blick nach innen bleibt verwehrt,…

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