Titel: Rebellion und Anpassung · von Oliver Zybok · S. 44
Titel: Rebellion und Anpassung ,

Rebellion und Anpassung

Ostdeutschland – Neubewertung einer Kunstlandschaft

herausgegeben von Oliver Zybok

Mit Beginn der politischen und gesellschaftlichen Veränderungen, die mit dem Umbruch in den Jahren 1989 / 90 einsetzten, änderte sich auch das Bewusstsein im Umgang mit der gesamtdeutschen Kunst nach 1945. In der damaligen BRD ist vor allem die Ausrichtung der westdeutschen Kunst im Kontext einer internationalen Entwicklung betrachtet worden, dazu gehörten recht rasch Künstler, die vor dem Mauer bau 1961 in den Westen gegangen waren, wie Georg Baselitz oder Gerhard Richter, und jene die vom DDR-Staat ausgebürgert worden waren, wie Wolf Biermann und A. R. Penck.

Im Osten gab es Vorgaben eines Sozialistischen Realismus, die im Laufe der Jahre bis zum Mauerfall von staatlicher Seite immer mehr gelockert worden sind. Zu Zeiten des Kalten Krieges wurden auch die Grundsteine für eine Welle der Marginalisierung ostdeutscher Lebenswelten und Befindlichkeiten nach 1989 gelegt, zunächst aus ideologischen Gründen, hinterher aus einer gewissen überheblichen Attitüde der angeblich auf der „richtigen“ Seite der Geschichte Stehenden. Hierin mag eine Erklärung dafür liegen, warum in Ostdeutschland gegenwärtig Wähler populistischen Tendenzen folgen, die mit falschen Versprechungen die immer noch empfundene Marginalisierung zu überwinden versuchen. Eine künstlerische Aufarbeitung dieser politisch brisanten Situation steht noch aus. Unabhängig von diesen Diskussionen darf in dem innerdeutschen Diskurs nicht das erlittene Unrecht zu DDR-Zeiten außer Acht bleiben, das weiter im Fokus stehen muss. Allerdings unter der Prämisse differenzierter Betrachtungsweisen und nicht von pauschalen Diffamierungen. Der Versuch einer derartigen Auseinandersetzung wird mit dem vorliegenden Themenband unternommen.

Der einleitende Beitrag von Oliver Zybok überblickt die historische Entwicklung von der Sowjetischen Besatzungszeit ab 1945 bis in die Gegenwart und untersucht die Schwierigkeiten der künstlerischen Auseinandersetzungen während des DDR-Regimes, aber auch die Möglichkeiten einer außerordentlichen künstlerischen Artikulation jenseits ideologischer Grenzen bis 1989. Ebenso werden die Leistungen nach dem Mauerfall thematisiert, die im internationalen Kontext eine äußerst relevante Rolle eingenommen haben. In dieser historischen Entwicklungslinie sollte fortan von einer Kunstentwicklung in Ostdeutschland gesprochen werden, die einer noch näher zu untersuchenden Eigendynamik gefolgt ist. Die entscheidende Frage der Kontextualisierung der im Osten entstan denen Kunst thematisiert Paul Kaiser und hinterfragt die Konsequenzen der im Zuge des innerdeutschen Bilderstreits seit Beginn der 1990er-Jahre aufgekommenen tendenziellen Deklassierung der Kunstproduktion in Ostdeutschland. Christoph Tannert verdeutlicht, dass die Geschichte der DDR-Fotografie in der Betrachtung einzelner Biografien und Entwicklungsprozesse auf unterschiedlichen Ebenen in gebührender Weise erzählt werden kann. Einen Einblick in die Architekturgeschichte der DDR gibt Arnold Bartetzky und stellt einen problematischen Umgang mit dem Bauerbe Ostdeutschlands fest: im Verlauf der 1990er-Jahre und darüber hinaus führte dies zu zahl reichen Abrissen von erhaltungswürdigen Gebäuden – nicht zuletzt aus ideologischen Grün den, was der Umgang mit dem Palast der Republik verdeutlicht hat. Petra Lange-Berndt setzt sich mit den Mail-Art-Aktionen des Künstlers Joseph W. Huber auseinander, vor allem mit der mehrteiligen Arbeit Nature Is Life Save It von 1977 bis 1982. Dieses Werk verdeutlicht einmal mehr, dass zahlreiche Künstlerinnen und Künstler in der DDR die internationalen Kunstproduktionsprozesse intensiv verfolgt und sie gemäß ihrer eigenen Erfahrungswerte produktiv ein- und umgesetzt haben. Christian Schwandt schildert die intensive und langjährige Freundschaft von Carlfriedrich Claus und dem Schriftstellerpaar Christa und Gerhard Wolf. Ihr Briefwechsel zeugt von einem großen Respekt und einer tiefen Verbundenheit. Rosa Windt hebt in ihrem monografischen Beitrag die besondere Stellung des Malers Neo Rauch für die Gegenwartskunst hervor. Die abschließenden Gespräche mit KünstlerInnen aus verschiedenen Generationen – Helga Paris, Strawalde und Frank Nitsche – bieten bieten einen jeweils individuellen historischen Überblick aus unterschiedlichen Perspektiven, von der Nachkriegszeit bis in die Gegenwart.