Magazin: Bücher , 2004

Rainer Metzger

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Folge 14

Irgendwo im Buchinneren, versteckt und durch nichts kenntlich gemacht, steht der zentrale Satz: „Nachdem der Angriff der historischen Avantgardebewegungen auf die Institution Kunst gescheitert, d.h. Kunst nicht in Lebenspraxis überführt worden ist, besteht die Institution Kunst als von der Lebenspraxis abgehobene weiter. Der Angriff hat sie jedoch als Institution erkennbar gemacht und damit die (relative) Folgenlosigkeit der Kunst in der bürgerlichen Gesellschaft als deren Prinzip. Alle Kunst nach den historischen Avantgardebewegungen hat sich in der bürgerlichen Gesellschaft dieser Tatsache zu stellen; sie kann sich entweder mit ihrem Autonomie-Status abfinden oder Veranstaltungen unternehmen, um den Status zu durchbrechen, sie kann jedoch nicht – ohne den Wahrheitsanspruch von Kunst preiszugeben – den Autonomie-Status einfach leugnen und die Möglichkeit unmittelbarer Wirkung unterstellen“ (S. 78).

Die Avantgarde ist gescheitert, wird hier konstatiert. Sie ist gescheitert weil ihr zentrales Projekt, „Kunst in Lebenspraxis zurückzuführen“ (S. 29), sich als nicht durchführbar erwiesen hat. Insofern ist Peter Bürgers „Theorie der Avantgarde“ eine jener einschlägigen Revisionen, wie sie in den Siebzigern aufs Tapet gekommen waren. Die klassische Moderne, der Modernismus, die Avantgarde und wie auch immer man sie nennt, werden einer Neubewertung unterzogen. Auf einmal erkennt man deren Defizite und uneingelösten Versprechen. Katalysator dieser neuen Aufmerksamkeit fürs Uneingelöste waren die Schriften Walter Benjamins, und die „Theorie der Avantgarde“ borgt sich gleich zwei Kapitel („Zur Diskussion der Kunsttheorie Benjamins“ und „Der Allegoriebegriff Benjamins“) beim Denker der Aura und der Melancholie.

Mit dem typischen blinden Auge auf die Gegenwart konstatiert Bürger zwar das Scheitern der „historischen Avantgardebewegungen“, stellt es aber…

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von Rainer Metzger

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