Magazin: Bücher · von Rainer Metzger · S. 408
Magazin: Bücher , 2004

Rainer Metzger

Relektüren

Folge 11

Das gelbe Bändchen der edition suhrkamp, das gleich nach seinem Erscheinen jener Lektüre unterzogen worden war, die man mit Lineal, Bleistift und der Ordnung des Beckmesserhaften über die Bühne bringt, hat, wie nach der Relektüre festzustellen ist, in seinem letzten Kapitel keine Unterstreichungen mehr. Offenbar war nach all den Vorführungen über das „Empfindbare“, das „Muköse“ und das „Matrizielle“ keine Geduld mehr vorhanden, auch noch die „Fruchtbarkeit der Liebkosung“, so der Titel dieses letzten Kapitels, in aller Konzentriertheit nachzuvollziehen. Der Leser im Mann, er war erschöpft. Luce Irigarays überdeutliche Betonung des weiblich Eigenen und Eigentlichen, die das Männliche ausschloss, um es in einer Geste, die man immer schon für mütterlich gehalten hatte, wieder umfangend umfassend hereinzuholen, hatte sich irgendwann einmal verbraucht.

Nicht anders war es offenbar dem Suhrkamp Verlag selbst ergangen, denn noch im Jahr 1991, als Luce Irigarays „Ethik der sexuellen Differenz“ auf deutsch erschienen war, hatte man die Reihe der „gender studies“ ins Leben gerufen, inauguriert natürlich von Judith Butlers Meistererzählung vom „Unbehagen der Geschlechter“. Der Feminismus hatte seine konstruktivistische Wende genommen, statt Sex gab es Gender und statt dem Essentialismus des Weiblichen dessen, wie Butler es nennen wird, „antifundamentalistische Kritik“. Selbstverständlich war Luce Irigaray eine Vorkämpferin für die Sache. Aber ganz zeitgemäß war sie augenscheinlich auch nicht mehr. Also relativierte der Suhrkamp Verlag ihr Buch gleich bei seinem Erscheinen, nachdem er mit fast zehn Jahren Verspätung die Seminare, die die französische Philosophin 1982 in Rotterdam gehalten hatte und die 1984 auf französisch publiziert worden waren, in die…

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