Ausstellungen: Köln · von Martin Seidel · S. 328
Ausstellungen: Köln , 2004

MARTIN SEIDEL

Roth-Zeit

Eine Dieter Roth Retrospektive

Schaulager Basel, 22.5. – 14.9.2003
Museum Ludwig, Köln, 18.10.2003 – 11.1.2004
Museum of Modern Art / P.S. 1, New York, 10.3. – 8.6.2004

Roth füllt Gewürzpulver in Fensterrahmen, er gießt Schokoladenfiguren und verwurstet Salami zu Museumskunst; er verköttelt Karnickelköttel zu „Karnickelköttelkarnickeln“, wandelt Vogelfutter zum P.O.TH.A.A.VFB („Portrait of the Artist as Vogelfutterbüste“); er zerhäckselt Martin Walsers „Halbzeit“ und andere Werke Anderer, sofern ihm diese missfallen oder er den Autoren den Erfolg neidet, zu einer mit Fett und Gewürzen vermischten „Literaturwurst“; er zeichnet mit beiden Händen Schnellzeichnungen, dann Schnellstzeichnungen; er lässt Teppiche knüpfen; er tut sich mit Richard Hamilton zum wechselseitigen Porträtieren und mit Arnulf Rainer und anderen zu Tanz- und Musikperformances zusammen; er verbosselt täglichen Abfall, der nicht höher sein darf als einen halben Zentimeter, um ihn in Hunderten von Aktenordnern abzulegen; er verfasst ein Film-Tagebuch des „täglich stattfindenden Gelebes“, verarbeitet Postkarten und verherrlicht in Materialcollagen das Zufällige und Banale.

Roth kreiert, archiviert und provoziert (indem er eine Installation von Beuys zertrampelte). Roth war alles. Romantischer Gesamtkunstwerker, dem vierundzwanzigstündiges Hundegebell als Gegenstand der Kunst genau so recht war wie eine selbstvergeigte Musikperformance oder der Dielenboden seines Ateliers. DuMont’s Bild-Lexikon der Kunst fiel vor dreißig Jahren zu Roths künstlerischer Profession nichts Endgültiges ein; es schrieb: „Deutscher Maler, Grafiker, Typograf, Dichter usw.“. Das „usw.“ war nicht despektierlich, aus heutiger Sicht nur reichlich untertrieben. Um Roths verschiedene Richtungen einschlagendes Drängen approximativ zu beschreiben, muss man trotz der schlussendlichen Offenheit hinzufügen: Objektkünstler, Musiker, Filmemacher, Konzept- und Performancekünstler „und so weiter“.

Als Roth 1969 gefragt…

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