Magazin: Publikationen , 1995

Rüdiger Schöttle
Bestiarium der Kunst

Rüdiger Schöttle, und das hat sich längst herumgesprochen, ist ein ungewöhnlich vielseitiger Mensch. Welchen Ton aber schlägt er in einem Buch an, das von einem Bestiarium der Kunst erzählt? Den des Galeristen, des Künstlers oder – wie es der Titel vermuten läßt – den des Literaturwissenschaftlers? Wie der Leser bald erkennt, ist es der Tonfall des Künstlers, der frei von wissenschaftlichen Zwängen und Anforderungen seine subjektiven Erfahrungen zur Niederschrift bringt. Literarisch formulierte Gedanken zu grundsätzlichen ästhetischen und kulturellen Fragestellungen, welche die aktuelle Kunst als Resultat oder besser als Zwischenstation jahrhundertelanger Prozesse begreifen. Besonders der Barock und Rokoko stehen als verdrängte Wurzel der Moderne im Mittelpunkt seines geschichtlichen Rückblicks. Das folgende, das technische und bürokratische Zeitalter verkörpert für Rüdiger Schöttle in erster Linie nicht Fortschritt, sondern Entfremdung. Geistesverwandt mit Paul Virilio beklagt er an der Gegenwart besonders die Verflüchtigung, die Transformation in Maschinen und interpretiert insgesamt „das Leben als Straße“. Dieser Zustand ist im wesentlichen dann erreicht, wenn das perspektivische Prinzip, der Prospekt in der Dynamik der Technologie aufgeht, wenn sich die Geometrie mit Geschwindigkeit verbindet, der Raum zu Erinnerung und Gegenstände zu Flächen werden, die Körper entschwinden, wenn sich die Farben in einer immer schneller werdenden Bewegung in ein Weiß verwandeln und sich Tauschprozesse verselbständigen.

Das Verhältnis von Ware und Subjekt, mit dem auch der Gegenwartskünstler ständig konfrontiert wird, versucht Rüdiger Schöttle gestärkt durch lange Karl Marx-Zitate als ein verwirrendes Wechselspiel zu beschreiben: „Durch die gläserne Wand des Schaufensters sieht er aber nicht nur in eine Welt der…

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von Justin Hoffmann

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