Ausstellungen: München , 1993

Rainer Metzger

Rüdiger Schöttle

»Stadt aus Glas«

Orangerie im Englischen Garten, München, 19.2. – 21.3.1993

Weihevoll, sakral, zur Betrachtungsandacht ausgebreitet; Glashäuschen gleichzeitig, ein klein wenig in der Ästhetik einer Modelleisenbahn verfangen; von Schwarzlicht angestrahlt und auf fluoreszierendem Pigment in bläulicher Aura schwelgend: Die „Stadt aus Glas“, die Rüdiger Schöttle, ihrem Titel sehr gerecht werdend, in der ehemaligen Orangerie des Münchner Englischen Gartens installiert hat, setzt sich zusammen aus den Ingredienzien der Utopie.

„An einem Tag wie heute ist die ganze Welt aus dem unzerbrechlichen Glas gegossen, aus dem… all unsere Gebäude bestehen. An einem solchen Tag sieht man die blaueste Tiefe dieser Dinge, nimmt unbekannte Größen, wunderbare Gleichungen wahr.“ Diese Sätze, die Schöttles Projekt zu beschreiben scheinen, stammen aus Jew-genij Samjatins Roman „Wir“ von 1920, ein Buch, das wie alle literarischen Utopien der Moderne eine negative Utopie beschwört. Samjatins Stadt bevölkern Menschen, deren Seele im kommunikativen Sinn so gläsern ist wie die Architektur im Wortsinn. Jeden Kontrollmechanismus haben sie verinnerlicht, sie funktionieren, sind lebende Beispiele jener Dialektik der Aufklärung, in der die Emanzipation der umfassenden Instrumentalisierung gewichen ist.

„Stadt aus Glas“ heißt auch die Novelle, mit der der amerikanische Autor Paul Auster 1985 bekannt wurde. Das kafkaeske Szenario, das Auster entwirft, lebt von der Äquivokation „I/Eye“, dem Ineinander von Individualität und sturer Beobachtung, die die Hauptperson, einen Detektiv, ausmacht. Wieder wird ein gläserner Mensch entworfen, dem ein abstruser selbsternannter Big Brother auf den Fersen ist.

„Stadt aus Glas“ hat Rüdiger Schöttle in ein ehemaliges Gewächshaus gestellt, das in einem Englischen Garten einer auf natürlich getrimmten Kulturlandschaft dienlich…

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