Biennalen: Essen · von Renate Puvogel · S. 302
Biennalen: Essen ,

Ruhrtriennale 2019

Schöne Aussichten?

Essen 21.08. – 29.09.2019

von Renate Puvogel

Die erste Ausgabe der Ruhrtriennale unter der Intendanz von Stefanie Carp 2018 galt dem Globalen Süden mit Schwerpunkt Afrika. In diesem Jahr steht nun Europa im Mittelpunkt, insbesondere die Bedrohungen der Demokratie durch Populismus, Nationalismus und Rassismus. Dabei wird ersichtlich, dass unsere demokratisch geprägten westlichen Gesellschaften ausblenden, wie stark sie von der Ausbeutung eben jener Zonen unseres Globus‘ profitieren, welches Thema des letzten Jahres waren. Europa wird in seiner historischen Entwicklung bis in die Zukunft hinein beleuchtet und in vielerlei Hinsicht analysiert.

Eine Klammer zwischen den Zeiten herzustellen, versuchen zur Eröffnung Christoph Marthaler und Stefanie Carp mit ihrem Musiktheater „Nach den letzten Tagen. Ein Spätabend“. Darin werden‚ zum 200. Gedenktag an die Schließung des Konzentrationslagers Mauthausen’ einem Scheinparlament Parolen und Reden in den Mund gelegt, mit denen Populisten, Identitäre und Rassisten auch heute wieder Demokratie und Rechtsstaatlichkeit aus den Angeln heben wollen. Carp hat dazu nachweisbare Zitate mit frei Erfundenem geistreich verwoben. Es lässt einen schaudern, wie Marthalers kleine, aber feine Schauspielertruppe zwischen den Reihen des ovalen Audimax der Ruhruniversität Bochum demagogisch auf uns, das gegenübersitzende Volk einredet. Die Tiraden sind klug eingebettet in Kompositionen, die Uli Fussenegger arrangiert hat und die von disparat zusammengesetzten Instrumentalisten und einem hinreißenden Sopran vorgetragen wird. Sie speist sich aus Kompositionen von im 3. Reich verfemten und größtenteils ermordeten Komponisten und wird durchzogen von weiteren Musikzitaten wie etwa einem letzten Fragment Viktor Ullmanns aus dem Jahre 1943.

Diesem gespenstischen, szenisch eher mageren Eingangswerk, dessen Uraufführung in Wien stattfand, kontrastiert…

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