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Titel: Moderne, reloaded - Interviews mit Kuratoren · von Sabine Maria Schmidt · S. 118 - 121
Titel: Moderne, reloaded - Interviews mit Kuratoren , 2018

Moderne, reloaded: Interviews mit Kuratoren, Kunsthistorikern, Kunstkritikern, Museumsdirektoren

Sam Bardaouil und Till Fellrath

Kuratoren
Kunst und Freiheit

Die beiden unabhängigen Kuratoren sind Mitbegründer der kuratorischen Plattform Art Reoriented mit Sitz in München und New York. Seit zehn Jahren initiieren und realisieren sie zahlreiche Ausstellungen, die sich der interdisziplinären und weltweiten Verknüpfung moderner und zeitgenössischer Kunst widmen, mit besonderem Fokus auf die Länder des Nahen Ostens. Besonders erfolgreich war ihre internationale Wanderausstellung „Tea with Nefertiti: The Making of the Artwork by the Artist, the Museum and the Public“, die in Doha, Paris, Valencia und München zu sehen war. Bardaouil und Fellrath waren 2013 bei der 55. Biennale in Venedig die Kuratoren des libanesischen Pavillons und stellten Akram Zaatari: Letter to a refusing pilot vor. 2015/2016 gehörten sie zum Kuratorenteam der 20. Biennale in Sydney.

Ihr aktuelles Projekt Art et Liberté. Rupture, War and Surrealism in Egypt (1938 – 1948), mit Stationen an prominenten Institutionen wie dem Centre Pompidou in Paris, dem Reina Sofia in Madrid und der Kunstsammlung K20, Düsseldorf und der Tate Liverpool, London, fügt der Rezeptionsgeschichte des Surrealismus bisher neue Kapitel hinzu.

Seit 2016 sind beide im Vorstand der „Montblanc Cultural Foundation“ in Hamburg.

Sabine Maria Schmidt: Mit eurem jüngsten umfangreichen Ausstellungsprojekt, dem langjährige Forschung vorausgeht, schreibt ihr die Geschichte des Surrealismus weiter. 1938 beherbergte Diego Rivera André Breton und seine Frau in Mexiko. Breton traf dort auch Trotzki. Gemeinsam verfassten sie das Manifest Pour un art révolutionnaire indépendant (Für eine unabhängige revolutionäre Kunst). 1938 wird einige Monate später auch in Kairo ein solidarisches, auf arabisch und französisch, verfasstes Manifest geschrieben „Es lebe die entartete Kunst“. Damit macht eine neue Gruppe auf sich aufmerksam. Dass auch Ägypten ein wichtiger Schauplatz des Surrealismus war, ist bisher kaum bekannt gewesen. Was war da los?

Sam Bardaouil: Das Manifest reagierte auf die zunehmende Ächtung und Verfolgung von Künstlern, Schriftstellern und Journalisten, die aus Spanien, Italien, Deutschland und anderen Ländern flohen. Ägypten, seit 1922 unabhängig, aber immer noch stark unter britischer Ägide, wurde plötzlich zu einer Exil-Option. „Art et Liberté“ gründete sich 1938 als antifaschistische, antinationalistische und interdisziplinäre Gruppe und bestand bis 1948. Federführend war zunächst der Diplomatensohn und Dichter Georges Henein, der Breton 1936 in Paris kennengelernt hatte. Zusammen mit Edmond Jabés und Ramses Younane gründete er einen Verlag und die gleichnamige Zeitschrift Art et Liberté. Der Austausch und die Vernetzung der Mitglieder waren sehr umfangreich, sie reichten nicht nur bis London, Paris oder Brüssel, sondern bis nach Südamerika, Beirut, Bukarest und sogar Tokyo.

Die Gruppe propagierte die Anliegen des Surrealismus, verstand sich zugleich aber auch als Reformbewegung desselben.

Bardaouil: 1938 veröffentlichte der Künstler und Kritiker Ramses Younane, ein Protagonist der Gruppe, der sehr stark für den Einbezug der Kunst in die schulische Bildung eintrat, das Buch Die Bestimmung des zeitgenössischen Malers. Darin beklagte er eine Krise des Surrealismus und die Unfähigkeit dieser Kunstrichtung, zu politischer und sozialer Veränderung beizutragen. Younane kritisierte sowohl den hyperästhetisierten, streng durchkalkulierten Surrealismus à la Dali und Magritte, wie auch den Rückzug auf das nur auf das künstlerische Ego bezogene subjektiv Unterbewusste und Automatisierte künstlerischer Produktion. Damit würden sich die Künstler jeglicher Kontextualisierung und Verbindlichkeit entziehen, den Kontakt zum Publikum und zur Realität verlieren.

Das hört sich nach sehr übertragbaren, aktuellen Debatten über die Funktion von Kunst an.

Fellrath: Ja. Ramses Younane setzte diesen Polen den Begriff des „Subjektiven Surrealismus“ entgegen. Für ihn galt das als eine neue Definition, die auf der einen Seite für eine völlige Freiheit künstlerischer Ausdrucksmittel und Sprache plädiert, sich auf der anderen Seite aber auch der Reflexion der jeweils lokalen und kontextuellen Lebensbedingungen verpflichtet. Der Maler Mayo ist ein gutes Beispiel. Er war international unterwegs, beherrschte die Formensprachen des Surrealismus, verknüpft diese aber mit Motiven und ikonographischen Bezügen zur Kulturgeschichte Ägyptens.

Surrealismus war immer eine Haltung, eine Haltung des Anarchischen, Destruktiven und Widerständigen.

Lange wurde die Rezeption der Avantgarden außerhalb ihrer Zentren immer als epigonal gewertet. Auch unter den ägyptischen Malern und Fotografen gibt es natürlich Anklänge an Picasso, Yves Tanguy, de Chirico oder Man Ray und dennoch sieht der ägyptische Surrealismus ziemlich anders aus, als wir denken, wie er aussehen müsste: erfinderisch, kraftvoll, selbstbewusst und thematisch engagiert.

Bardaouil: Surrealismus war immer eine Haltung, eine Haltung des Anarchischen, Destruktiven und Widerständigen. In Kairo wurde diese Haltung nun mit großer Lust aufgegriffen. Im Kontext einer hoch konservativen, nationalistisch-akademisch geprägten Kunst, wie sie an der Kunstschule in Kairo gelehrt und jährlich im „Salon de Cairo“ präsentiert wurde, richtete die „Art et Liberté“ – Gruppe einige ihrer schärfsten Polemiken gegen die Künstler dieses Lagers, die sie als „Kopiersklaven“ bezeichneten.

Fellrath: „Art et Liberté“ war eine sehr gemischte Gruppe von Künstlern, Schriftstellern, Journalisten und auch Rechtsanwälten, unterschiedlichster Herkunft, Klassenzugehörigkeit und Alters. Zudem waren auch viele Frauen auf Augenhöhe in der Gruppe aktiv, so wie Amy Nimr, Ida Kar, Inji Efflatoun, die später zu den am meisten ausgestellten Künstlerinnen Ägyptens wurde, oder Lee Miller, die in Europa am bekanntesten sein dürfte. Sie war mit dem Geschäftsmann Aziz Eloui Bey verheiratet und verlegte ihren Wohnsitz 1934 –1939 nach Kairo und knüpfte enge Verbindungen zur britischen Szene. Man setzte sich für Frauenrechte ein, für Bildung und vor allem soziale Gerechtigkeit. Das kann man auch in zahlreichen Gemälden wiederfinden, in Bildsprachen, die neu formuliert wurden. Hier gibt es keine Darstellungen von Frauen als Lustobjekte. Es geht immer um den Menschen und das Leid, dass die politischen und sozialen Effekte auf ihn hatten. Mit den Bildern reagierten die Künstler auf die Bombardierungen, die Zerstörung, auf Hunger, die steigende Armut, die eine gravierend hohe Anzahl an Frauen in die Prostitution trieb. Mit dem Krieg kamen über 120.000 stationierte Soldaten nach Kairo. Das hat das Leben in der rasant anwachsenden Stadt gravierend zugespitzt.

Wie wurde der Konflikt gelöst, als Künstler frei, zeitgenössisch und autonom zu sein und gleichzeitig aber auch der Programmatik einer politisch engagierten Gruppe zuzugehören?

Bardaouil: Ich denke, es ging immer darum zu unterscheiden, politisch zu sein oder politisch instrumentalisiert zu werden. Die Künstler von „Art et Liberté“ lehnten es ab, für einen Staat oder eine Partei zu arbeiten, eine nationale oder gar „ägyptische Kunst“ zu schaffen. Das hat später wahrscheinlich auch zur Auflösung der Gruppe mitbeigetragen. Einige wechselten in die sich neu formierende „Groupe de L’art Contemporain“, die sich nach dem Krieg und bis zur „ägyptischen Revolution“ 1952 unter Nasser mit der Frage beschäftigte, wie denn eine zeitgenössische ägyptische Kunst aussehen könnte. Künstler wie Abdel Hadi el-Gazzar, Hamed Nada oder Samir Rafi, die ursprünglich vom Surrealismus geprägt waren, erlangten später den Rang führender moderner Künstler Ägyptens, während etliche „Art-et-Liberté“-Künstler wie Angelo de Riz aus politischen Gründen das Land verließen oder in Vergessenheit gerieten.

Die Künstler von „Art et Liberté“ lehnten es ab, für einen Staat oder eine Partei zu arbeiten, eine nationale oder gar „ägyptische Kunst“ zu schaffen 

Wie schätzt ihr die Bedeutung der Gruppe im Sinne ihrer Rezeption für die aktuelle zeitgenössische Kunst in Ägypten ein? Die Zeiten haben sich ja wieder völlig verkehrt. Ist die Gruppe als historisches Beispiel eines freien Denkens in Ägypten gerade überhaupt interessant?

Bardaouil: Auf jeden Fall! Die Ideale teilen heute zahlreiche Künstler, nicht nur in Ägypten, sondern weltweit. Sie verweigern sich, sich künstlerisch auf eine nationale Zugehörigkeit festlegen zu lassen. Und in internationalen Netzwerken zu arbeiten, gehört heute zur allgemeinen Praxis. In Ägypten ist die Gruppe zwar grundsätzlich bekannt, aber durch unsere Forschung ist ja zahlreiches Material, sind zahlreiche Verbindungen überhaupt ans Licht gekommen. Und wir hoffen, dass der Spirit der Gruppe dadurch wieder stärker in den Fokus rückt.

Gibt es heute vergleichbare Initiativen oder gar Künstlergruppen wie „Art et Liberté“ seinerzeit?

Bardaouil / Fellrath: Nein. Seit den 1950er Jahren hat das ägyptische Ministerium für Kultur die gesamte Kulturszene des Landes beherrscht. Seit dieser Zeit ist auch die Kluft zwischen einer eher kritischen Kunstszene und solchen Künstlern, die auch in und mit offiziellen und staatlichen Instituten zusammengearbeitet haben, immer größer geworden. Schon lange vor der Revolution und den Demonstrationen auf dem Tahir-Platz, 2012, haben sich zahlreiche unabhängige Räume gegründet, u.a. Town House, das Contemporary Image Collective CIC oder Darb 1718. Sie brachten viel in Bewegung. Mit den radikalen Ansätzen und revolutionären Anliegen von „Art et Liberté“ kann allerdings keine dieser Gruppen und Initiativen verglichen werden.

von Sabine Maria Schmidt

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