Gespräche mit Künstlern · von Doris von Drathen · S. 296
Gespräche mit Künstlern , 1999

Christian Bonnefoi

Schiffbruch als strukturalistische Strategie

EIN GESPRÄCH VOM DORIS VON DRATHEN

Als Mendelssohn in Paris lebte, schrieb er verzweifelt an seine Familie, die Franzosen hätten keinen Sinn fürs Drama. Ist vielleicht etwas dran? Jedenfalls scheint es schwer, mit ihnen über existentielle Beweggründe in der Kunst zu sprechen. Der Maler Christian Bonnefoi gehört zu den in Frankreich nicht seltenen Künstlern, die beinahe ebensoviel kunsttheoretische Texte publiziert wie Ausstellungen gezeigt haben. Mehr als an Malerei ist er an der Definition von Bildern interessiert. Ist es möglich, aus dem strukturalistischen Denken auszubrechen? Mit dieser Neugier besuchte ich ihn in seinem Atelier auf dem Land, eine Zugstunde von Paris entfernt.

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Doris v. Drathen: In deinen Bildtiteln gibt es einen, der geradezu obsessionell immer wieder auftaucht – der Begriff Schiffbruch. Kaum ein Wort ist so aufgeladen mit mythischen Existenzbildern, was hat das mit deiner, sagen wir, theoretisch ausgerichteten Malerei zu tun?

Christian Bonnefoi: Gewiß hat mich der gesamte Themenkreis um Odysseus/Ulysses lange beschäftigt. Was daraus hervorgegangen ist, ist aber das Thema Schiffbruch als eine spezielle Untersuchungsmethode, das bedeutet nämlich eine, die auf dem Zufall beruht. Die Seefahrten von Odysseus, die Entdeckungen der Griechen im Mittelmeerraum sind keine geplanten Unternehmungen, sondern hängen fast immer mit Schiffbrü-chen zusammen. Die Griechen waren schlechte Seefahrer, das Mittelmeer hatte seine Tücken, und so landeten sie nach jedem Schiffbruch an einer anderen levantinischen Küste, gründeten ihre Städte und Handelsniederlassungen in Tunesien, Spanien, Italien… Und so verstehe ich die Metapher bezogen auf die Übung der Malerei, als ein Auferbieten von einem Maximum an Haltungen und Mitteln,…

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