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Essay · S. 42 - 63
Essay , 1984


Schlagzeug und Farborgel

von Bazon Brock
I. Allgemeines Tamtam

Das Duisburger Wilhelm-Lehmbruck-Museum ist eines der bedeutenden Zentren für die Konfrontation des Zeitgenossen mit jener Form künstlerischen Schaffens, deren altdeutsch klingender Name „Bildhauerei“ gegenwärtig unerwartet metaphorische Züge offenbart. Als die Madonna von Max Ernst den Jesusknaben verdrosch, hatten bereits eine Reihe von Künstlern derartige Demonstrationen von Arbeitswut gegeben, daß man sich fragt, warum bis dahin die Kindeszüchtigung, nicht aber die Werkzüchtigung durch den Künstler Thema tiefenpsychologischer Studien geworden ist. Freud hat zu diesem Problem einige Hinweise auf den Bildhauer Michelangelo gegeben; aber mehr als Beispiele für den allgemeinen Fall von Ambivalenz sind aus der Analyse des Gewaltpotentials in künstlerischem Schaffen bisher nicht durchgedrungen. Beiträge zur Duisburger Ausstellung Bella Figura, die Karl-Egon Vester gut geplant und im Kontext der Kölner expressionistischen Plastik, sowie der Basler Skulpturen im Merian-Park gut plaziert hat, lassen uns das Fehlen von tiefenpsychologischen Studien über die Ambivalenz künstlerischen Schaffens wieder zu Bewußtsein kommen. Selbstverständlich kann ich weder hier noch überhaupt eine solche Analyse bieten, aber Stichworte zu Beschreibung von Täter und Tat drängen sich förmlich auf.

Künstler sind als Zeitgenossen einerseits geprägt durch objektive Tendenzen, die mehr oder weniger alle Mitglieder einer Kulturgemeinschaft erfassen; andererseits legt ihr Wirkungsanspruch den Künstlern nahe, eben jene, die Allgemeinheit erfassenden Tendenzen zu einem so hohen wie möglichen Grad selber bestimmen, oder zumindest beeinflussen zu wollen. Eine der objektiven Tendenzen, die unter dem Namen Jogging-Bewegung firmiert, zwingt scheinbar unwiderstehlich gerade die selbstbewußten Individuen zu einem recht gleichförmigen Verfahren, ihre psycho-physische Balance aufrecht zu erhalten. Die…



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