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Titel: Das Schöne - Plädoyer für ein eigensinniges Phänomen - 1 Widerstand der Ästhetik · von Martin Seidel · S. 44 - 61
Titel: Das Schöne - Plädoyer für ein eigensinniges Phänomen - 1 Widerstand der Ästhetik ,
Titel: Das Schöne - Plädoyer für ein eigensinniges Phänomen - 1 Widerstand der Ästhetik

Schlechte Zeit für Schönheit?

von Martin Seidel

Verdikt des Schönen

Bertolt Brecht schrieb 1939 im dänischen Exil das Gedicht „Schlechte Zeit für Lyrik“. Das lyrische Ich des programmatisch nicht reimenden Gedichts bekennt: „In mir streiten sich / Die Begeisterung über den blühenden Apfelbaum / Und das Entsetzen über die Reden des Anstreichers [sc. Adolf Hitler]. / Aber nur das zweite / Drängt mich zum Schreibtisch.“ Brechts Gedicht spiegelt die symptomatische Aporie und einen charakteristischen Zwiespalt und Gewissenskonflikt, in dem sich die „schönen Künste“ befinden. Nach den Greueln des Zweiten Weltkriegs stellte sich die Frage nach der Legitimation, dem Sinn und der Ausrichtung der Kunst umso dringlicher. Aus solchen Bedenken heraus entstand 1949 Theodor W. Adornos Aufsatz „Kulturkritik und Gesellschaft“ (publiziert 1951) mit dem berühmten Satz: „Nach Auschwitz ein Gedicht zu schreiben, ist barbarisch“.

Mitte der 1950er Jahre begannen sich solche Fragen zuzuspitzen. Die deutsche Nachkriegskunst baute sich zu einem Gutteil gegen die systemdienliche Jasager-Oberflächenästhetik der Kunst des Dritten Reichs auf, die sich ihrerseits vom internationalen Kunstgeschehen abgesetzt und mit altbackenen Wahrheits-, Schönheits- und Harmoniegetue und gigantomanen Beeindruckungsmonumenten hohle Pathosformeln und sonst nichts hervorgebracht hatte. Joseph Beuys erweiterte in den 1960-er Jahren den Kunstbegriff mit dem Argument, dass das „Bildnerische im heutigen Verständnis“ „einfach unmoralisch, ohne Verantwortung, ohne Ethik“ sei.1 Der tief von Beuys, seinem Lehrer, geprägte Jörg Immendorff wandte sich dem Agitprop zu. 2006 erhielt er den Kaiserring der Stadt Goslar mit der Begründung, dass seine Kunst „kein Selbstzweck“ sei, sondern auf die „unmittelbare gesellschaftliche Wirkung“2 abziele. Andererseits waren es Beuys-Schüler wie Blinky Palermo…

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