Ausstellungen: Istanbul · von Ingo Arend · S. 332
Ausstellungen: Istanbul , 2016

Ingo Arend

Šejla Kamerić

When the heart goes Bing Bam Boom

Arter – space for art, Istanbul, 11.12.2015 – 28.2.2016

Was würde passieren, wenn ein europäisches Land wirklich seine Grenze schlösse? In San Marino konnte man es vor dreizehn Jahren studieren. Am 19. Juni 2002, morgens um 7 Uhr, ging für genau eine halbe Stunde die normalerweise immer geöffnete Grenze zwischen dem Zwergstaat, der nicht der EU angehört, und seinem Nachbarn Italien herunter.

Was als (behördlich genehmigte) Kunstaktion gedacht war, endete in einem echten kleinen Volksaufstand. Erst empörten sich die Menschen über die Verkehrsblockade. Bis sich die Diskussionen zwischen dem Grenzzaun in einen lautstarken Protest gegen Grenzen überhaupt verwandelten.

„Closing the border“, das Video, das die bosnische Künstlerin Šejla Kamerić von ihrer Intervention im öffentlichen Raum machte, sollte man vielleicht bei einem der nächsten CSU-Parteitage zeigen. Dann würden sich die politischen Populisten ihre Slogans womöglich noch einmal überlegen. Im Istanbuler Kunstraum Arter, wo der Streifen derzeit zu sehen ist, fand die Arbeit jedenfalls lebhaftes Interesse beim Publikum.

Die erste große Retrospektive von Kamerić überblickt 15 Jahre. 36 Arbeiten der 1976 in Sarajevo geborenen Künstlerin hat die hauseigene Kuratorin Başak Doğa Temür in einem klug komponierten Parcours in dem Kunsthaus der Industriellenfamilie Koçauf in Istanbuls beliebter Einkaufsmeile İstiklâl Caddesi versammelt. Und doch meint man plötzlich mitten in den Konfliktzonen des heutigen Europa zu sein: Flucht, Krieg und Bürgerkrieg, das schikanöse Grenzregime, die Bedrohung der Freiheit durch Illiberalität und Gewalt.

Die problematischen Selektionsmechanismen, die dabei angewandt werden, hatte Kamerić schon 2000 bei der Manifesta 3 in Ljubljana thematisiert. Fußgänger, die…

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