Magazin: Publikationen , 1997

Sophie Calle: Die Entfernung

Der Kopf, glatt guillotiniert, liegt mitten unter abgetrennten Gliedmaßen. Ein Ohr fehlt, abgehackt. Die Augen blicken starr über den Zaun, der den Kadaver schützen soll vor Souvenirjägern. Auf einem ehemaligen Schießplatz im Köpenicker Forst nahe Berlin wartet der kopflose Lenin noch immer auf eine würdige Bestattung. Mitarbeiter der Forstverwaltung, die hier vorbeischauen, kümmern sich um die Vegetation. Ihn, Wladimir Illiitsch, hat man vergessen. Im Verlauf der sogenannten „Wiedervereinigung“ waren zunächst Mahntafeln und Plaketten entfernt worden, danach wurden Antifaschisten, Aufbauhelfer, Grenzsoldaten, Interbrigadisten, Spartakisten vom Sockel gestoßen, schließlich ging man den Übervätern Marx, Engels und Thälmann an den Kragen. Die deutsch-deutsche Kulturpolitik Anfang der neunziger Jahre bestand aus drei Worten: abreißen, abbauen, umbenennen. Die Helden der DDR wurden einen Kopf kürzer gemacht. Die Politiker übertrafen sich an Skurrilität: Uwe Lehmann-Brauns (CDU) empfahl ein Disneyland der DDR-Denkmäler vor den Toren Berlins und Kultursenator Roloff-Momin wollte die Stasi-Haftanstalt Hohenschönhausen zu einer Topographie des Terrors von links umwerten. Bundeskanzler Kohl hatte eine ins Überdimensionale aufgeblasene kleine Plastik von Käthe Kollwitz, die „Pièta“, also eine Fälschung in der Neuen Wache aufstellen lassen, statt, wie von Kritikern gefordert, den schlichten Entwurf von Heinrich Tessenow aus dem Jahre 1931 originalgetreu wiederherzustellen. Über dem Portal hängt eine Texttafel, mit der allen Opfern des Krieges gedacht wird, also dem polnischen Zwangsarbeiter ebenso wie dem Waffen-SS-Offizier, der von der Roten Armee hingerichtet wurde. Diese „Zentrale Gedenkstätte“ verwischt bewußt den Unterschied zwischen politisch, rassisch und religiös verfolgten Opfern. Das größte DDR-Denkmal war bereits 1989-90 abgerissen worden, die Berliner Mauer,…

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von Marius Babias

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