Titel: Staunen ,

Staunen

Plädoyer für eine existenzielle Erlebensform

herausgegeben von Paolo Bianchi

Das Wesen der Dinge erschließt sich erst durchs Staunen. Das Staunen ist die existenzielle Erlebensform des Menschen. Von Kindsbeinen an zeigt sich der natürliche Impuls zum Staunen in uns. Die Neugierde mit ihrem Drang nach Neuem ist eine wesentliche treibende Kraft des homo sapiens – in Kunst, Wissenschaft, Alltag und Selbstentwurf. Im Kontrast zur Neugier beschränkt sich die Erfahrung des Staunens nicht aufs Neue, sondern erschließt das Neue als etwas Wundersames.

Wer staunt, hält inne, ist wach, gelassen, konzentriert, versammelt sich ganz in der Gegenwart, ist ganz bei sich selbst. Er ist erschüttert, bewegungslos und widersetzt sich damit allem Selbstverständlichen. Staunen heißt, die Wirklichkeit als Wunder zu erkennen, denn Wunder gründen nicht woanders, sondern immer in unserer Lebenswirklichkeit. Das ästhetisch forschende Staunen vermag auf vielfältige Weise „Türen zum Wunderbaren“ zu öffnen, sofern es dem weißen Hasen folgt, wie Paolo Bianchi es in seinem kulturtheoretischen Eröffnungs essay ausführt.

Das subjektiv und poetisch wirkende „Alphabet des Staunens“, entstanden in Zusammenarbeit mit Dorothea Strauss, reißt die Oberfläche von Kunst auf und öffnet sie zu ihrer Mitte hin, um zum „Wesen“ ästhetischer Erfahrungen vorzudringen. Diese verlaufen entlang eines Parcours der Eigenschaften von „alchemistisch“ und „durstig“ über „mirakulös“ und „trauernd“ bis zu „vibrierend“ und „zentriert“.

Beim Gang ins Kino als Hör- und Sehraum von Attraktionen verfolgt Suzanne Pellaux die „Spur des Staunens“ ausgehend von filmgeschichtlichen Beispielen bis hin zu aktuellem Filmschaffen. Es eröffnet sich ein Wahrnehmungsraum, in dem die Bilder über das Denken hinausreichen ins Unaussprechliche. Den alten griechischen Denkern folgend vermag der Mensch erst durch ein Erkennen jenseits der Wahrnehmung ins Staunen zu geraten. In diesem produktiven Spannungsfeld zu bestehen und es auch fruchtbar zu halten, das beschreibt Maria L. Felixmüller in ihrer „Dialektik des Staunens“.

Im konzeptuellen Kunstschaffen von Katharina Anna Loidl findet ein doppeltes Staunen statt: einer seits auf konstruktive Weise über die äußere Wirklichkeit und andererseits mit romantischer Verwunderung über eine unsichtbar innere Wirklichkeit. Mathias Kessler ist als Künstler an der Ambivalenz von Tremendum und Fascinosum interessiert, am Pendelschlag zwischen dem Schauervollen / Unheimlichen einerseits und dem Verzauberten / Erhabenen andererseits. Das Künstlerpaar Anna Borgman und Candy Lenk erzielt in der Produktion von Irritation zwar eine Brechung in der Wahrnehmung, aber auch eine Öffnung für Resonanz und Grenzüberschreitung.

Das Experiment des Künstlers Tim Beeby, unsignierte Werke umsonst wegzugeben, widersetzt sich dem Kunstmarkt. Wolfgang Ullrich verwickelt den Künstler in ein Streitgespräch, das zwischen Staunen und Zweifeln pendelt. Der ehemalige Documenta-Leiter und heutige Zürcher Museumsdirektor Roger M. Buergel ist davon überzeugt, dass die Kunst uns ein anderes Sehen ermöglicht, ein Anders-Sehen auch als Bewusstsein und Erfahrung für die Grenzen der eigenen Wahrnehmung.

Wie ein roter Faden zieht sich durch alle Beiträge in diesem Heft die Ästhetik der Irritation und das Konzept der Wunderkammer. Mitsamt der ihr innewohnenden Vorstellung von Ganzheitlichkeit und Universalität. Die Beiträge im Themenheft STAUNEN beschreiben Phänomene, die sich dem Strom der Ereignisse zu widersetzen vermögen und bewusstseinsverändernde Interaktionen hervorrufen. Es gilt sich von der Schaulust und dem Sensationshunger der Jetztzeit abzuwenden. Und somit jenen Ort zu kultivieren, an dem die Tore der Wahrnehmung hin zum Erkennen des Wunderbaren sich öffnen. Kurzum: Das unruhige 21. Jahrhundert verlangt nach einer existenziellen Lebensmaxime, die da lautet: „Wer staunt, widersetzt sich der Vergeudung des Lebens.“ (Michael Depner) Ein Satz, der wirkmächtig nachhallt, er wird unser zukünftiges Leben prägen, wo immer wir uns aufhalten und was immer wir tun.

von Paolo Bianchi

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