Titel: Zeichen zur Zeit III , 2010

Reinhard Ermen

Stephan Baumkötter

Der lineare Gestus tritt äußerst zurückhaltend auf und doch beatmen die Spuren, die er zurücklässt, den ganzen Raum, die zarten Gebilde, wenn man überhaupt so weit gehen will, von etwas Bildähnlichem zu sprechen, beherrschen das Blatt. Die farbige Zeichnung behauptet ihre Präsenz umgekehrt proportional zum (materialen) Aufwand. Fast absichtslos wandern die Ölstifte (oilpaintsticks) oder die Pastellkreiden über die weiße Fläche. Johannes Meinhardt sieht in diesem Zusammenhang „abgerissene, bröselnde, zerbrochene Einsätze“, Jens Peter Koerver beschreibt ein „Trudeln oder Taumeln des Stiftes“. Stephan Baumkötter bewegt sich im Zwischenraum von Zufall und Kontrolle, auf den stick in seiner Hand wird, abgesehen vom Eigengewicht der Werkzeuge, kein Druck ausgeübt. Beim Führen dreht er ihn beiläufig, der Zeichner beaufsichtigt allenfalls die Richtung, für die er sich zuvor entschieden hat. Das kann zum Beispiel die Vertikale sein, dann fallen die fragmentierten Farbwege wie angedeutete, aleatorische Girlanden herab, oder sie bilden kreisend sternförmige Felder, so dass sich durch die asymmetrisch auf dem Papier platzierte Zentrierung fast ein Stück Komposition einschleicht, die der Zeichner eigentlich negieren will. Die Eigendynamik der Vorgehensweise produziert sich partiell unabhängig vom Kopf des Künstlers; er liefert sich ihr ganz bewusst aus. Gelegentlich kommt es auch zu linear verdichteten Flecken, die der vorherrschenden Abstinenz des Materials widersprechen können. Baumkötter selbst beschreibt sein Verfahren mit einer schönen tautologischen Formel: „Was kann ich tun, das dann der Stift tut.“ Manchmal scheint der auch auszugleiten, in älteren Arbeiten gibt es beiläufige Wischer, transparente, gerollte auch stakkatoartige Schleier mit der ganzen Kante der Kreide. Die Farbe…

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von Reinhard Ermen

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