Magazin: Bücher · von Jürgen Raap · S. 412
Magazin: Bücher , 2004

Tabu

Im 18. Jahrhundert brachte Sir James Cook den Begriff „Tabu“ aus der Südsee nach England – seither benutzen wir in fast allen Sprachen diesen Terminus für „Meidungsgebote“, deren Übertretung mit einem Ausschluss aus der Gemeinschaft bestraft wird. Obwohl Sigmund Freud bereits 1913 einen grundsätzlichen 412 Text „Totem und Tabu“ veröffentlichte, sind „unsere Tabus hier und heute noch nicht genügend bearbeitet worden“, stellt der Kölner Psychoanalytiker Hartmut Kraft fest und nennt damit einen Grund, seine „zehn Thesen zum Tabu“ zu formulieren. „Tabus haben Konjunktur“, lautet die erste These. In unseren Tagen hat z.B. die „political correctness“ neue Sprachtabus geschaffen. Ihr fielen z.B. der „Negerkuss“ zum Opfer und der „Zigeuner“. Aus diesen Beispielen wird deutlich: Tabus wandeln sich innerhalb einer Gesellschaft; sie sind kontextabhängig und beliebig austauschbar, und daraus folgt logischerweise Krafts zentrale Behauptung: „Es gibt kein Ur-Tabu, auf das sich unsere Tabus zurückführen lassen.“ In dieser Argumentation unterscheidet sich Krafts Abhandlung ganz klar von Sigmund Freud, der Tabus noch als „uralte Verbote“ verstanden hatte, die uns von außen autoritär aufgedrängt würden.

Stattdessen beschreibt Hartmut Kraft die Tabus in einer Wechselbeziehung zu den jeweils gültigen Kulturnormen: Ein Europäer mag es als paradox empfinden, dass im Staate New York der Verkauf von Silvesterkrachern verboten ist, während gleichzeitig „Bürger der USAGewehre als Werbegeschenke erhalten können… Die Fähigkeit, sich selbst und seine Familie mit dem Gewehr in der Hand zu verteidigen, leitet sich aus der Siedlungsgeschichte der USA ab.“ Hier kann man recht gut die Funktion der Tabus ablesen: Sie sichern Identität, wobei wir „unter kultureller…

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