Kommentar · S. 214
Kommentar , 1973

Klaus Honnef

Tagebuch

Donnerstag, den 1. März

Gerald Just, Sekretär der documenta 5, besucht mich im Büro. Er will sich vorläufig in Münster ansiedeln und hier eine Galerie eröffnen. Seine Motive sind privater Natur. Obwohl Frau Kleine, meine Assistentin, und ich uns mit Nachdruck bemühen, ihm seine Absicht auszureden, lässt er sich nicht beirren. Zuvor hat er sich bei einigen Museen und Kunstvereinen um eine Stellung beworben. Doch ohne Erfolg. Denn ihm ging es, wie fast allen anderen freien Mitarbeitern der documenta 5, die sich für einen längeren Zeitraum nach Kassel verpflichtet hatten. Als sie sich nach Beendigung der Arbeiten in Kassel um eine neue Stellung umsahen und die documenta 5 als vorheriges Tätigkeitsfeld angaben, wohl auch in der Hoffnung, damit zu reüssieren, erlebten sie eine herbe Enttäuschung. Die in Aussicht genommenen Dienstherren winkten meistens ab. Offenbar haftet der documenta 5 ein Makel an. Möglicherweise der Makel, zwischen alle Stühle placiert worden zu sein. Den einen geriet sie zu sehr im Sinne abgestandener bürgerlicher Kunst, den anderen bot sie offenbar zu wenig ‚wahre Kunst‘, weil nicht im bürgerlichen Kunstverständnis fixierte.

Im Fernsehen, zwischen Werbespots eingebettet, Walter de Marias Film ‚Sieben Kreise in der Wüste‘. Der Film besteht aus diversen Rund-Schwenks über schöne, flache Land Schäften. Die Schwenks sind nicht ganz plan, etwas verrissen, nicht ganz kreisförmig. Die ausgewogene Ruhe der Schwenks über eine sich kaum verändernde Wüstenlandschaft provoziert eine eigentümliche Sehererfahrung. Statt Weite des Blicks, statt Tiefe des Bildes – Zweidimensionalität, das Bild wird zur abstrakten Chiffre. Zwischen den Schwenks knappe Einstellungen von…

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