Kommentar , 1975

Klaus Honnef

Tagebuch

Montag, den 2. September

Der Grenzbeamte von hüben – Berlin-West – macht uns darauf aufmerksam, die Invalidenstraße sei für Bundesbürger kein Passierweg nach Berlin-Ost. Dennoch versuchen wir es, Karl Ruhrberg vorneweg mit seinem Wagen, Bernhard Rohe dahinter, zum Schluß ich, alle samt den übrigen Mitreisenden mit Bescheinigungen ausgerüstet, die uns Visa für den Besuch des ‚gesamten Gebietes‘ der DDR verheißen. Darüber hinaus ist uns erlaubt worden, unsere Wagen mitzunehmen. Unser Ziel ist die Generalversammlung der AICA, jenes internationalen Kritikerverbandes, von dem Petra Kipphoff einmal liebenswürdig behauptete, man höre nur von ihm, wenn man ungefragt in seinem Namen gegen irgend etwas protestiere. Die Generalversammlung 1974 wird in Dresden veranstaltet und anschließend nach Berlin-Ost umziehen. Der Grenzbeamte von drüben schickt uns nicht zurück, ein kurzes Telefonat wohl, und er ist informiert, die AICA-Sektion der DDR hat Einfluß – für uns schier unvorstellbar – auf die Regelung der Grenzformalitäten; wir als Gäste der DDR werden privilegiert abgefertigt, dazu sogar mit einer Freundlichkeit, wie ich es bei den sonst so korrekt wie humor-entfremdeten Grenzbeamten der DDR noch nicht erlebt habe. Es dauert zwar etliche Minuten, aber dies lediglich darum, weil Karl Ruhrberg ein falsches Papier in Händen hatte; kleiner Fehler der ungemein perfekten Organisation, die wir bislang erfahren haben. Dann geht’s weiter in Richtung Friedrichstraße. Ich werde zuvor noch angepfiffen, buchstäblich, weil ich ein rotes Ampellicht überfahren habe, und ein zweiter Grenzbeamter bedeutete mir, daß auch hier in der DDR die Estevauo gelte. Es währt lange; schließlich begreife ich, daß er die Straßenverkehrsordnung meint,…

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