Ausstellungen: Paris , 1984

Tendenzberichte Paris

Vom Neo-Klassizismus, vom Katholischen, vom Bösen, vom Obszönen, von der Kunst und den Avantgarden, von Balthus und von Jochen Gerz

In dieser Stadt wird zum Ereignis, was anderswo kaum einen Wellenschlag auslösen würde: zum Beispiel intellektuelle Streitereien und Ideengebäude. Dagegen geht unter, als würde es von der undurchsichtigen Dichte massiv sich aufdrängender Überinformation schlichtweg aufgesogen, was an anderen Orten zur Sensation geriete: zum Beispiel eine Ausstellung von Ulrich Rückriem oder der augenblicklich gezeigte Richard Serra. Welch ein Gegensatz zwischen dem exotischen Blüten treibenden Individualismus der Pariser und den gewaltigen Meinungsschüben, Tendenzen, Strömungen – mit Zeitgeist, Pazifismus, Zynismus, Alternativismus, Initiativgruppen oder gar Gruppenmalerei – die Deutschland gegenwärtig durchziehen.

1983 haben zwei Veröffentlichungen die Kunstszene in Paris aus ihrem augenblicklichen intellektuellen Phlegma aufzurütteln gesucht. Sie kamen aus der konservativen, beziehungsweise aus der konservativrevolutionären Ecke, die eine mit hohem schöngeistig elitärem Anspruch, die andere, ganz im Gegenteil, pseudo-vulgär und „prolo“. Jean Clair, einer der aktivsten Ausstellungsorganisatoren im Centre Pompidou und schon bekannt für seinen neo-klassischen Geschmack im Bereich der Kunst, hochgezüchtet am spätromantischen Symbolismus Arnold Böcklins, an der endzeitsüchtigen Negativität Egon Schieles und der Melancholie des de Chirico der zwanziger Jahre, hat seiner ganz persönlichen Absage an die Avantgarden des XX. Jahrhunderts in „Considérations sur l’état des beaux arts“1 seinen Ausdruck gegeben.

Was er schon in den Ausstellungen „Neue Subjektivität“ (1976) in Paris und „Arte come Arte. La persistenza dell´opera“ (1982) auf der Biennale von Venedig deutlich gemacht hatte, seine Vorliebe für eine präavantgardistische Kunst, die Kunst vor 1850, findet hier seine theoretische Begründung: Modernität,…

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