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Ausstellungen: Hamburg · von Matthias Reichelt · S. 243 - 245
Ausstellungen: Hamburg ,

Hamburg
Tomi Ungerer

It’s all about freedom
Sammlung Falckenberg 27.11.2021 – 24.04.2022

von Matthias Reichelt

Der Titel „it’s all about freedom“ der Ausstellung trifft einen empfindlichen Nerv dieser Zeit. Die Freiheit des künstlerischen Ausdrucks, ob in sexuellen Darstellungen, dem Gebrauch drastischer Worte in Bildender Kunst und Literatur, ist durch eine unheimliche Allianz von konservativen bis hin zu linken Kritiker*innen unter Beschuss geraten. Tomi Ungerer hat sich Zeit seines Lebens nie mit Konventionen abgefunden und in seiner Kunst den Stachel gelöckt und gegen Gebote der politischen Korrektheit verstoßen. Wie radikal ehrlich er mit seiner Kunst Phänomene der Gesellschaft mit spitzer Feder aufs Korn genommen hat, ist in der Sammlung Falckenberg in einer großartigen Ausstellung zu bewundern.

Unverstellt von Ideologie, Religion und moralischen Zwängen hat er die Welt nahezu mit Kinderaugen betrachtet. Das ganz junge Publikum hatte Ungerer, selbst Vater von vier Kindern, als Zielgruppe seiner Kunst besonders im Auge. Er zählte nicht zu den pädagogischen Bedenkenträgern, die Kindern die grausamen Wahrheiten der Welt verschwiegen. Als Kind erlebte er die Okkupation des Elsasses durch die deutschen Nazis. Eine prägende Erfahrung, die er schon früh in Kinderzeichnungen verarbeitete und die später in ein atemberaubend gutes Kinderbuch einfließen sollte. In „Otto. Autobiografie eines Teddybären“ (1999) erzählt Ungerer von Deportation und der Vernichtung der Juden ebenso wie von der rassistischen Politik gegen die schwarze Bevölkerung in den USA. Viele weitere Kinderbücher und animierte Filme folgten. Darunter die Abenteuer der kleinen Schweine, den „Mellops“, die ihn in den 1960er Jahren als Kinderbuchautor berühmt machten. In Europa erschien sein Kinderbuch „Die drei Räuber“, das später auch als Trickfilm animiert wurde.

Tomi Ungerer, 1931 in Straßburg als Jean-Thomas Ungerer geboren und 2019 in Irland gestorben, war bereits im frühen Kindesalter mit einem deutlich sichtbaren Talent des Zeichnens und Malens gesegnet, was auch die Ausstellung zeigt. Gepaart mit einer Erzählfreude, gelang ihm ein grandioses und umfangreiches Werk. Nach seinem Militärdienst in Algerien und Reisen durch Europa entwarf er für französische Firmen Werbeplakate. Aufgrund seiner Freundschaft und Heirat mit der Fulbright-Studentin Nancy White, die er in Frankreich 1956 kennengelernt hatte, konnte er nach New York ziehen, wo sich sein Talent als Grafiker für Zeitschriften und Werbung schnell herumsprach.

In Hamburg bietet die von der Tochter und Leiterin des Tomi Ungerer Estate, Aria Ungerer (*1976 in Cork, Irland), zusammengestellte Ausstellung eine gute Gelegenheit, das medial so vielfältige Werk Ungerers neu zu entdecken. Die spärlichen Öffnungszeiten, nur Samstag und Sonntag sowie zu Führungen freitags, stehen leider im krassen Widerspruch zu Umfang, Aufwand und Brisanz der Ausstellung.

Seines Erfolges in New York City gemäß, erhielt Ungerer Einblicke in das Leben der New Yorker Bourgeoisie, die ihn 1966 zu seiner Serie „The Party“ inspirierten. In großformatigen Tuschezeichnungen zeigte Ungerer seinen Ekel vor einer selbstgefälligen und dekadenten Gesellschaftsschicht. Das brachte ihm in der einflussreichen Oberschicht genauso wenige Freunde ein wie die Plakate mit seiner harschen Kritik an dem imperialistischen Krieg der USA in Vietnam. Da wird einem Vietnamesen die Freiheitsstatue in den Mund gerammt, versehen mit dem Befehl EAT. In einer anderen Arbeit mit dem Titel KISSa FOR PEACE zwingt ein Militär den gefesselten Vietcong, der Freiheitsstatue den Hintern zu lecken. Tomi Ungerer war immer politisch inkorrekt und hatte deshalb unter anderem mit Vorwürfen zu kämpfen, seine Kunst wäre sexistisch und pornografisch. Das betraf auch seine Serie „Fornicon“ – mitnichten Pornografie –, in der Ungerer die Entfremdung der Geschlechter und die völlig lieblose Mechanisierung der Sexualität zum Thema machte. Weibliche Körper werden durch Maschinen penetriert und sozusagen industriell befriedigt. Das war zuviel für eine bigotte und heuchlerische US-Gesellschaft und Ungerer wurde, natürlich auch wegen seiner Kritik an der US-Außenpolitik, vom FBI nicht nur beobachtet, sondern auch verhört. 1971 verließ Ungerer mit seiner mittlerweile dritten Ehefrau Yvonne Wright die USA in Richtung Nova Scotia in Kanada. Das einsame Landleben evozierte bei Ungerer eine neue Serie großformatiger Gemälde, in denen die Farmgebäude, von Strommasten durchzogene Landschaft sowie die Tierwelt in realistischer Weise gewürdigt wurden.

Noch in den 1970er Jahren verlegte Ungerer samt Familie seinen Lebensmittelpunkt nach Irland und lebte fortan sowohl dort wie im Elsass.

In der Ausstellung sind auch skulpturale Objekte zu bewundern, die seine Liebe zu gefundenem Plastiktrash ebenso demonstrieren wie seine enorm produktive Fantasie. Zu sehen sind auch Interviewfilme, in denen Ungerer äußerst charmant über sich und seine Kunst erzählt. Darin werden sein kompromissloser Humanismus ebenso wie seine tiefe Verbundenheit zur Natur deutlich spürbar, die er einer deprimierend kriegerischen Welt kämpferisch entgegenhält: „Mein Bleistift, meine Feder sind Waffen zum Angriff oder zur Verteidigung.“

Katalog: Deichtorhallen Hamburg (Hrsg.): Tomi Ungerer. it’s all about freedom, mit Texten von Thomas David, Belinda Grace Gardner, Thérèse Willer, Aria Ungerer und einem Vorwort von Dirk Luckow und Harald Falckenberg; 264 S., 200 farbige Abb.; dt./engl., Hatje Cantz, Berlin; 44 Euro.

www.sammlung-falckenberg.de

von Matthias Reichelt

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