Titel: Konstruktionen des Erinnerns · von Mathias Fuchs · S. 170
Titel: Konstruktionen des Erinnerns , 1994

2. Schnittstellen und Meditationen

Total Recall –
Erinnern und Vergessen in der Musik

Von Mathias Fuchs

Ein Lösungsmittel gegen musikalischen Klebstoff gefunden zu haben, glaubte John Cage im Jahr 1970. Die Töne, die durch das Bindemittel der musikalischen Struktur aneinandergeklebt worden waren, sollten zuerst aus ihr gelöst werden und dann als isolierte Individuen „endlich wieder sie selbst werden“.1 So zumindest lautete die Programmatik der ästhetischen Befreiungstheorie für verklebte Klänge, wie sie Heinz-Klaus Metzger im Beiheft zur Schallplatte „Music before Revolution“ darlegte. Die Beantwortung der Frage, wie die Musik denn zusammenhalten sollte, nachdem der Klebstoff entfernt worden wäre, wurde vorläufig zurückgestellt (wahrscheinlich bis zu einem Zeitpunkt nach der Revolution). Was aber deutlich vorgezeigt werden konnte, war die Intensität losgelöster Töne: Klänge ohne Klebstoff und ohne das Korsett musikalischer Struktur – Klänge freilich auch, die nach Bloch im „sinnlos Punktuellen“ sich entwickelten.2 Denn ohne den Klebstoff musikalischer Form müssen die Töne vereinzelt bleiben. Im Gegensatz zu dem alten Sprichwort, daß „der Ton die Musik macht“, macht gerade das, was zwischen den Tönen liegt, die Musik.

Musik lesen heißt daher auch, den Klebstoff zu untersuchen, der zwischen den Tönen steckt, und nicht die Töne selbst. Entlang einer zeitlichen Achse, deren eine Richtung mit Zukunft und deren andere Richtung mit Vergangenheit beschriftet ist, liest sich Musik als vorwärts oder rückwärts gerichtetes Erinnern. Jedes funktionale musikalische Ereignis trägt das „Netz seiner eigenen Beziehungen zu allen anderen Ereignissen des gleichen Werkes“ mit sich.3 Verstanden werden können die musikalischen Ereignisse daher nur mittels Erinnerung. Im Rückblick oder im Vorgriff auf andere Ereignisse…

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