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Magazin: Kulturpolitik · von Ingo Arend · S. 412 - 412
Magazin: Kulturpolitik , 1994

Ingo Arend
Trotzkultur

Der Sturzflug sozialdemokratischer Kulturpolitik war steil. Der hochgetrimmte Kulturjet Frankfurt ist vom Leitbild zum Schreckbild geworden. Alle mühsam geschärften Sensorien für die heraufdämmernde Digitalkultur – Peter Weibels Institut für Neue Medien, Kasper Königs Städelschule und der Portikus, das Kommunale Kino – sie liegen als rauchende Trümmer am Museumsufer. Kulturpolitisch sendet Frankfurt nur noch „mayday“.

Positiv deshalb, daß sechs sozialdemokratische Kulturdezernenten aus dem Ruhrgebiet von Hilmar Hoffmanns „Kultur für alle“ retten wollen, was zu retten ist. Positiv, weil der Versuch ausgerechnet von da kommt, wo die Not am größten ist. Wo sonst der traditionssozialdemokratische Hilfeschrei nach Stahl- und Kohlesubventionen und Opernschließungen ertönt, will man „mit Kultur der Krise trotzen“.

Das Papier der Kulturdezernenten aus Aachen und Oberhausen, aus Dortmund, Essen, Krefeld und Gelsenkirchen wendet sich gegen kulturpolitischen Amoklauf in Zeiten, wo finanzielle Not kein Gebot mehr kennt. Es muß jeden Beobachter der einst vorbildlichen Frankfurter Kulturdebatte seit Hilmar Hoffmanns Abschied erleichtern. Die Lufthoheit über die kulturpolitischen Stammtische hat dort jetzt der dichtende „Musiker, Marxist und Millionär“ (Eigenwerbung) Dieter Dehm. Der ehemalige Liedermacher Lerryn und Stifter einer längst vergessenen SPD-Parteihymne verheizt heute gerne Krankenschwestern und Schauspieler im kulturellen Stellungskrieg gegen die ungeliebte und ungeschickte Linda Reisch. Das Bündnis von Kultur und Sozialem, das er dabei vielleicht im Auge hat, die Rückbindung der Kultur an die Lebenswelt dürfte er mit dieser Methode wohl kaum erreichen. Und die ohne Hoffmann ahnungs- wie perspektivlose Parteilinke in der Mainstadt folgt dem durchaus klugen Dehm seither wie eine Lämmerherde, nur weil er Brecht auswendig daherzudeklamieren weiß und…


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