Ausstellungen: Köln , 1988

Friedemann Malsch

„Übrigens sterben immer nur die anderen“

Marcel Duchamp und die Avantgarde seit 1950
Museum Ludwig, 15.1.1988 -6.3.1988

»Es liegt was in der Luft, zwo, drei, ein ganz besonderer Duft, zwo, drei …« – Man ist versucht, nach Ablauf des 1. Jahrhunderts n. MD. (nach Marcel Duchamp) in der Quersumme nach dem Sinn der »Ehrungen« im Jubiläumsjahr zu suchen. Und die kann vielleicht am ehesten mit dem eingangs zitierten Werbereim beschrieben werden: ein Reim für einen Kaffee, eine Stimulanz also, wie auch Duchamp in der Zeit nach dem Holocaust stimulierend auf Künstler und Intellektuelle gleichermaßen gewirkt hat; ein Reim aber auch der Werbung, die dahin tendiert, alle möglichen Identifikationspunkte der gesellschaftlichen Kommunikation in den Dienst der eigenen, von den zitierten Inhalten völlig unabhängigen Profitmaximierung zu stellen.

In der Tat scheint Duchamp augenblicklich im Kunstbetrieb nicht zuletzt deshalb so hoch im Kurs zu stehen, weil er offensichtlich aufgrund seiner ironischen Weltanschauung und stilistischen wie ideologischen Indifferenz der hegemonistischen Tendenz des Systems Kunst (Stichworte: Postmoderne, Kunst als Ersatz für Philosophie, Kunst als Ersatz für Politik etc.), seinem Wunsch nach »Harmonisierung« aller Dichotomien im Schoß des allumfassenden »Wir-Gefühls« entgegenkommt und hierfür als ausgezeichneter Integrations-Guru erscheint. Die Legitimationskrise des Unterhaltungsbetriebs Kunst, die seit zwei Jahren unübersehbar ist, findet hier ein ideales Instrument der Verdrängung, um sich voll und ganz der Ellbogen-Strategie hinzugeben. Dafür kreierte man in den USA gleich eine (nicht mehr ganz taufrische) Bewegung, die man medienwirksam im Umfeld des Duchamp-Jubiläums zu seinen geistigen und künstlerischen Erben hochjubelt.

Diese Situation der totalen Auflösung anthropologischer Koordinaten der…

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