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Monografie · von Bernhard Kerber · S. 124 - 129
Monografie , 1973

Bernhard Kerber
Ulrich Erben

Nach landschaftlichen, zunehmend abstrahierten Anfängen setzt Erben bis 1969 starkfarbige Quadrate oder Rechtecke (andere Formen werden wegen ihrer Assoziationsmöglichkeiten vermieden) als rahmenparallele, gestaltete Form durch einen ‘Fettrand’ vom ungestalteten, aber begrenzten Bildgrund als quasi schwebende ab, überführt sie also aus der Zwei- in eine suggerierte Dreidimensionalität. Später übermalt er die jetzt seriell auftretenden Formen mit zahlreichen semitransparenten, weißen Schichten bis ihre verschiedenen Farben als modulierte wie durch einen Schleier nur noch erahnbar sind, trotzdem aber mittels der Interaction eine ‘sphärische’ (Erben), ruhig schwingende Räumlichkeit in Systole und Diastole suggerieren, öfters spannt eine intuitiv gefundene, leicht asymmetrische Position der Binnenform zusätzlich die Bildhaut, wobei allerdings die Wahrung der Gesamtsymmetrie jede Zufälligkeit ausschließt. Hinzu kommt, daß der durch Übermalung nicht kalkuliert sondern spontan entstandene Umrand der Binnenformen diese durch den Kontrast anderer Konsistenz optisch vom Grund löst und ‘als Ausdruckselement eines sensiblen, subjektiven und individuellen Malaktes einen spannungsvollen Kontrast zu der Objektivität bildet, die in der Reduziertheit der geometrischen Binnenform zum Ausdruck kommt’ (Bersword-Wallrabe). Umgekehrt können die Farbschichten, welche die Schilde aufbauen, in ihrem Verschmelzen vom Rand zur Mitte hin als chromatische Verläufe abgelesen werden. ‘Transparenz entsteht durch das sich Abheben der gemalten Fläche von der Grundfläche. Dichte durch die Fläche selbst, die durch vielfaches Übermalen (etwa zehn Schichten) gesättigt wird, so daß sie ihren materiellen Charakter wieder verliert’ (Erben).

Aus dem Thema zwar rational aber optisch nicht fixierbaren Formen hat Erben Halogenobjekte entwickelt. Er versperrt eine Raumecke mit einer transparenten Leinwand, leuchtet letztere von beiden Seiten mit Scheinwerfern verschiedener Intensität und hängt zwischen Leinwand und Ecke eine weiße Platte ein. Während die Leinwand die Reflektion absorbiert, wirft die Raumecke das ungebrochen auftretende Reflexlicht zurück. Es entsteht mittels Projektion der Eindruck einer materie- und schwerelos schwebenden, geometrischen, weißen oder farbigen Lichtform. Zusätzlich wird der Raum perspektivisch-eindeutiger Erfahrbarkeit entzogen.

‘Ich will den Raum darstellen, ohne daß Perspektive den Raum auf Gegenständliches assoziativ verweist’. ‘Seine Darstellung befreit von allen Zufälligkeiten, ist eine Möglichkeit, das Umfassende als Gegenüber zu betrachten’ (Erben).

Für Erbens Malerei wie für seine Objekte ist dabei gleichermaßen bedeutsam, daß zur Erhaltung des relationalen Charakters ihr Format nicht bis zur Unüberschaubarkeit getrieben werden darf. Ein nachsichtiger, vom Bild environmenthaft ummantelter Betrachter, wie ihn etwa Barnett Newman und Mark Rothko postulierten, wird nicht gewünscht Bei Erben bleibt also die Raumsuggestion ein innerbildliches Problem, sie hebt somit den herkömmlichen Dualismus Betrachter -Bild nicht auf und stellt also die intellektuelle und begriffliche Auseinandersetzung über das emotionale Erlebnis. Andererseits schlägt die stille Überforderung der Anpassungsfähigkeit des Auges mittels der Annäherung der Tonstufen um in ein meditatives Verhalten des Rezipienten.