Ausstellungen: Berlin · von Hermann Pfütze · S. 382
Ausstellungen: Berlin , 1991

Hermann Pfütze

ursula d. bauer undsoweiter

Neuer Berliner Kunstverein, 17.8. – 28.9.1991

Ursula d. bauers Arbeiten sind seltene Beispiele des wahrhaft Neuen im Dschungel der Neuigkeiten. Ungewichtig und ohne Absicht, bestehen sie sogar vor Adornos strengen Kriterien des Neuen: intentionslos und unbesetzt zu sein.

Die Wandarbeiten mit türkisfarbenen Klebebandstücken oder mit längeren, schmalen roten Decofix-Streifen sind wie elektrische Felder, deren Teilchen sich ewig abstoßen und nicht zur Ruhe kommen. Die Teilchen halten nichts fest und werden von nichts gehalten. Dem suchenden Blick mißlingt es, sie zu Kraftfeldern zu ordnen, zu magnetisieren. Ursula d. bauer achtet intentionslos aufmerksam darauf, daß sich kein Thema bildet, daß kein Pulk entsteht etwa durch zu geringe Abstände zwischen den Streifen. Ein geringer Fehler, der erlauben würde, „etwas“ zu sehen, würde der Sache buchstäblich ein Ende machen.

Das ideale Material der großen Wandarbeiten sind Dinge, die zugleich Mittel und Zweck sind, z. B. Klebestreifen oder bunte Reißzwecken. Eine Arbeit mit Mikadostäben ist sperriger, weil sie mit einem Hilfsmittel befestigt werden müssen: vorbesetzte Objekte, die gegen ihren Zweck verwendet werden. Die Klebestreifen und Reißzwecken dagegen sind zweckfrei, aber nicht zweckentfremdet – Ueckers Nagelarbeiten entfernt verwandt. Auf den ersten Blick sieht es aus wie Tapete, wie Industriedesign, aber auf den zweiten Blick werden die unmerklichen Abweichungen sichtbar: Nichts wiederholt sich, und nichts ist symmetrisch, es gibt weder ein Zentrum noch ein Ende, keinen Fluchtpunkt und kein verborgenes Muster.

Anders als bei Konzeptkünstlern, die den Begriff einer Sache realisieren, und erst recht anders als bei den vielen, die irgendwelche Fundstücke wiederholen und verfremden in der…

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