vorheriger
Artikel
nächster
Artikel
Ausstellungen: Wien · von Ursula Maria Probst · S. 328 - 329
Ausstellungen: Wien , 2012

Ursula Maria Probst
Utopie Gesamtkunstwerk

»Der letzte Rest Gesamtkunstwerk«
21er Haus,Wien, 20.1. – 20.5.2012

Diskursiv ambitioniert wirft die erste Gruppenausstellung in dem im Herbst 2011 neu eröffneten renovierten modernistischen Bau des 21er Haus einen zeitgenössischen Blick auf das historische Denkmodell des Gesamtkunstwerks. Einem gesellschaftspolitischen Zugang zum „Gesamtkunstwerk“ als Gemeinplatz für eine kritisch, engagierte, Partizipation und Emanzipation einfordernde Kunst wird in „Utopie Gesamtkunstwerk“ die differenzierende Sichtweise einer gescheiterten Utopie gegenüber gestellt. Bereits der Gedankenentwurf des Gesamtkunstwerks macht deutlich, dass sich Spuren dort am klarsten verfolgen lassen, wo sich Trennlinien zwischen künstlerischen Gattungen, Kompetenzen, Schauplätzen und Wirkungsweisen auftun. Intermediale und kollaborative Kunstprojekte bewirken heute eine „Verfransung der Künste“ zwischen Erfahrungsräumen und Diskursmaschinen, Sozialprojekten und Design. Gerade dieses anachronistische Moment macht den Begriff des Gesamtkunstwerks für die zeitgenössische Kunst interessant.

Die KuratorInnen der Ausstellung Bettina Steinbrügge und Harald Krejci setzen zeitgenössische Positionen seit den 1950er in Beziehung zur Moderne und stellen gleichzeitig produktive Wahlverwandtschaften her durch die Fragen zur Autorschaft, deren Definition und Bedeutung oder Verhältnis zum künstlerischen Manifest in Position gebracht werden. Aufgezeigt wird in der Ausstellung, dass der Begriff des Gesamtkunstwerks als Modell für künstlerische Strategien wirkt, die modernistische Prinzipien weiterführen oder in ihr Gegenteil verkehren.

Das von Esther Stocker aus tiefschwarzen, begehbaren Kuben als offenes Raumkonzept gestaltete Ausstellungsdisplay bildet als künstlerische Intervention einen markanten geradezu brachialen Eingriff in die Glasstahlkonstruktion des 21er Haus. Inszenatorisch als bühnenartiges Setting dramaturgisch durch den Schriftzug „Utopie Gesamtkunstwerk“ aufgeladen, gestalten sich die 110 Arbeiten der 50 beteiligen KünstlerInnen in dieser räumlich-visuellen Abstraktion zu einem Zusammenspiel verschiedener szenischer Situationen. Die Ausstellung ist so nicht monofokal als Parcours oder Abfolge von Installationen gestaltet, sondern funktioniert über zwei Ebene verlaufend polyfokal und lässt verschiedene Betrachterblickwinkel zu. Mehrpoligkeit steht hier im Dienste einer Mehrsinnigkeit, die Gegensätze hervorruft und gleichzeitig thematisiert. Die Kuben durchdringen den Raum, bewirken eine Rhythmisierung gegenüber der modernistischen Ordnung der Glasarchitektur des 21er Haus und wirken funktional als Blackbox für Screenings oder kojenartig als Hängestellwände. Teils geraten dadurch allerdings entscheidende formale, ästhetische, inhaltliche oder politische Aspekte der Arbeiten von KünstlerInnen wie Jospeh Beuys, Monica Bonvicini, Paul McCarthy, VALIE EXPORT, Liam Gillick, Tom Burr, Jonathan Meese, Christoph Schlingensief, Jason Rhoades, Helga Philipp, Julia Hohenwarter, Gregor Schneider, Constanze Ruhm oder Una Szeemann ins Hintertreffen.

Das Scheitern als Chance begriff Christop Schlingensief, dessen Werk „Hase Fett“ (2008) als Fragment der Installation „Fluxus Oratorium“ zu sehen ist. Thomas Hirschhorns Installation „Tool Family“ (2007) liest sich wie eine Reaktion auf regellose, chaotische Verhältnisse in einer Welt in der Krise, die, von Kapitalismus und Globalisierung gesteuert, zunehmend den Verlust ihrer Kultur zu beklagen hat. In Anlehnung an die Avantgardbewegen des 20. Jahrhunderts, die die Gesellschaft aktiv mitgestalten wollten, betrachtet das Kunstprojekt „WochenKlausur“ die Kunst als Ort an dem in gesellschaftliche Strukturen interveniert werden kann, um langfristig eine Veränderung sozialer Zustände zu erreichen, wie z.B. eine Verbesserung der medizinischen Versorgung Obdachloser. Monica Bonvicini befasst sich in ihrer Intervention „We Finally Built Walls“ (2010) mit Lebensmodellen der Moderne. Dafür hat sie aus kritischen Texten zur modernistischen Architektur entsprechende Zitate gesammelt. Der Künstler Ralo Mayer recherchiert seit 2007 zum Forschungsprojekt Biosphere 2, das als „gescheiterte“ Materialisierung einer Utopie zu einem Mikrosystem wird. Der modernistische Fortschrittglauben wird von ihm unter Anwendung verschiedener Medien in seinem Werk „And turns and turns and I turns (….)/“ÜBERSETZUNG UND VERRAT“ (2009/12) dekonstruiert, um dessen Mythologisierung offen zu legen. Das Video „Basement Bunker: Painting Queens in the Red Carpet Hall 3“ (2003) von Paul McCarthy thematisiert ein Verlangen nach Katharsis und zeigt ein Labyrinth in McCarthys Studio in Los Angeles, das in theatralen Settings permanent verändert wird und schließlich eine klaustrophobische Erfahrung von Raum erzeugt. Julia Hohenwarter gestaltet den Ausstellungsraum zu einem doppelbödigen Catwalk. Die Bühne wird als prädestinierter Ort für die Synthese der Künste betrachtet. In ihrem Video „Montewood Hollyverità“ (2003) fusionierte Una Szeemann die beiden Sehnsuchtsorte Monte Verità und Hollywood, die fast zeitgleich entstanden sind.

Anknüpfend an die Geschichte des ehemaligen 20er Haus bildet die 1983 hier stattgefundene Ausstellung „Der Hang zum Gesamtkunstwerk“ von Harald Szeemann, die von Kurt Schwitters‘ die Grenzen zwischen Kunst und Nichtkunst aufhebendem Merzbau bis zum Meltingpot alternativ-revolutionärer Lebensformen, dem Monte Verità im Tessin reichte, einen weiteren Ausgangspunkt dieser an Referenzen intensiven Schau. Doch bereits Harald Szeemann formulierte seine Ausstellung zum Gesamtkunstwerk zu einer Antithese und gelangte zum Schluss: „Das Gesamtkunstwerk gibt es nicht.“

Utopie Gesamtkunstwerk, Textbeiträge von Agnes Husslein-Arco, Bettina Steinbrügge, Harald Krejci, Veronique Aichner, Nina Herlitschka, Markus Miessen, Werner Hofmann, Holger Birkholz, Eva Kernbauer, Simon Baier, Anselm Franke, Boris Groys, Joao Ribas, 246 S., ca 150 Abb., € 29,-

von Ursula Maria Probst

Weitere Artikel dieses/r Autors*in