Titel: Realismus , 1981

Versuch über den Realismus

von Klaus Honnef

Ein realistischer Künstler ist, landläufiger Meinung zufolge, ein Künstler, dessen Kunst der sinnlich erfahrbaren Wirklichkeit verpflichtet ist. Er schildert, was er sieht, in einer Weise, daß derjenige, der sich mit seiner Schilderung befaßt, es ohne weiteres als Bestandteil der Wirklichkeit erkennen kann, die er selbst mit seinen fünf Sinnen erfährt.

Fraglos äußert sich in der landläufigen Meinung der gesunde Menschenverstand. Doch schon die Frage danach, wer was und wann als gesunden Menschenverstand versteht, vermag einen schwachen Eindruck von den Schwierigkeiten zu erwecken, die sich vor einer einigermaßen genauen und zumindest befriedigenden Begriffsbestimmung sogenannter realistischer Kunst auftürmen. Dabei erscheint eine Klärung des Problems noch vergleichsweise einfach, wenn man gewissermaßen axiomatisch festlegt, daß es sinnlich erfahrbare, die empirische Wirklichkeit ist, die Rahmen und Gravitationspunkt einer realistischen Kunst abgibt. Doch um diese Festlegung im Interesse einer umfassenderen und auch grundsätzlicheren Diskussion zunächst noch einmal zu relativieren, muß man daraufhinweisen, daß die Menschen die Wirklichkeit, besser: ihre Wirklichkeit, in den verschiedenen Epochen ihrer historischen Existenz auf unterschiedliche Weise sinnlich erfahren und demgemäß auch aus unterschiedlicher Perspektive betrachtet haben.

Trat ihnen, kurz gesagt, in der vorgeschichtlichen Urzeit die Wirklichkeit als übermächtige, das materielle Dasein unmittelbar bedrohende, in der Zeit des klassischen Altertums zumindest noch als rätselhafte Natur entgegen, die von übersinnlichen Kräften beherrscht war, wandelte sich seit dem ausgehenden Mittelalter, wenigstens in den Kulturen der westlichen Welt, das Bild dramatisch und das ursprüngliche Verhältnis zwischen ihr und dem Menschen verkehrte sich in dem Maße, wie dieser ihren inneren Gesetzmäßigkeiten auf die Spur…

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