Ausstellungen: Helsinki · von Michael Hübl · S. 385
Ausstellungen: Helsinki , 1991

Michael Hübl

Volle Beflaggung für die Gegenwartskunst

Die Wiedereröffnung des »Ateneums« in Helsinki,

begleitet von einer Platzgestaltung und einer Ausstellung

Die Eröffnung glich einem Initiationsritus. Ununterbrochene Trommelrhythmen vor dem Ateneum. Auf Ölfässern entfesselte Finninnen und Finnen. Tanzen wie von Sinnen. Stunden um Stunden. Peitschen den Takt mit gefährlich dünnen Gerten. Hinter ihnen, auf der Hauptverkehrsstraße zwischen Museum und Bahnhof, dröhnen Busse. Macht nichts. Die beschwörenden Gesten gehen weiter: Jetzt halten die jungen Wilden einer Ballettschule Kiefernreiser in den Händen, fuchteln umeinand`, als wären sie Flagellanten oder stünden sie in einer einheimischen Sauna, wo es üblich ist, sich mit gebündelten Birkenzweigen kräftig zu traktieren.

Veranstaltungen wie diese Choreographie von Reijo Kela dienen andernorts dazu, den Winter auszutreiben. Die Winter sind lang im Norden. Insofern hatte das Tanz- und Trommelzeremoniell neben seinem Unterhaltungswert auch noch Zeichencharakter. Denn die Finnen haben lange warten müssen, bis ihr nationales Kunstmuseum, Baujahr 1910, wieder eröffnet wurde: Acht Jahre war das „Ateneum“ geschlossen, sechs Jahre dauerten alleine die Umbauarbeiten, mittels deren die klassizistisch-historisierende Architektur im Innern durch einen einheitlichen, leicht grauen Anstrich aufgehellt und an der Rückseite durch einen schmalen Annex ergänzt wurde.

Wer hier zur Kunst will, erfährt auf jeden Fall Erhöhung: Über die steile, stufenreiche Haupttreppe gelangt er ins Herzstück des Hauses, den großen Saal mit Werken des finnischen Naturalismus und Symbolismus. Hier ist „Der verwundete Engel“ (1903) von Hugo Simberg zu sehen – die gemalte Klage über den Verlust des Göttlichen, die in ihrer zweiten Fassung für die Kirche von Tampere (Tamersfors) einen markanten zivilisationskritischen Akzent erhält: In beiden Versionen…

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