Magazin: Publikationen , 2008

Ronald Berg

Vom Bild zum Kunstsystem

Was haben der mittelalterliche Reliquiar der heiligen Fides von Conques (südwestliches Frankreich) und das „Merzbild Rossfett“ von Kurt Schwitters aus dem Jahre 1919 gemeinsam? Antwort: „Beide Bildstrukturen erfüllen die Aufgabe, als Schrein das Murmeln der darin versammelten Dinge aufzubewahren. An den Geschmeideopfern des Heiligenfetischs vernehmen wir noch heute die Bitten der Spender, so gut wie an den Zeitungsannoncen einer Merzcollage die Aufrufe der Inserenten stehen geblieben sind.“ Der Rekurs auf die Semiotik macht solch überraschende Einsichten möglich. Der vom Semiotiker Charles Sanders Peirce geprägte Begriff des ‚Index‘, also die direkte oder spurenhafte Beziehung zwischen Zeichen und Bezeichnetem, liefert das Vergleichsmoment. Mit solchen Anleihen bei artfremden Theorien will Beat Wyss die Kunstgeschichte neu und anders lesen. „Man nehme die drei Zeichenklassen nach Peirce, mische sie mit Niklas Luhmanns ‚Kunst der Gesellschaft‘ und beobachte, was dabei herauskommt“, so Wyss‘ Rezept für seine Kunstgeschichte.

Seit die Bildwissenschaft auf den Plan getreten ist, hat die traditionelle Kunstgeschichte nämlich ein Problem. Ihr einstiges Monopol im Umgang mit den Bildern hat Konkurrenz bekommen. Wie die Bildwissenschaft vorgeht und was sie eigentlich will, wird derzeit noch diskutiert. Fest steht jedoch, daß mit der neuen Disziplin auch diejenigen Bildwerke ins Visier kommen, die bislang nicht als Kunst galten. Umgekehrt hat Hans Belting als erster die Kunstgeschichte auch als Mediengeschichte begriffen. Er erinnerte daran, daß unser Verständnis von Kunst eine nachträgliche Erfindung darstellt, da unendlich viel aus dem Kanon der Kunstgeschichte ursprünglich zu Zwecken des Kults entstand. Beat Wyss bleibt Belting in dieser Sichtweise ausdrücklich verpflichtet.

Wyss’…

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