Magazin: Aktionen, Pläne & Projekte , 1989

Jürgen Raap

Vom Elend der Gekreuzigten

Manchmal hat man den Eindruck, die Medienpräsenz der religiösen Eiferer sei geschickt getimt. Kaum war die Kopfgeldauslobung auf den Verfasser der „Satanischen Verse“ aus den Schlagzeilen verschwunden, ging in Oberammergau die Posse um die Besetzungsliste für die nächsten Passionsspiele los. Wenn schon die Wogen ob der Frage hochschlagen, ob eine verheiratete Frau mit zwei Kindern die Jungfrau Maria spielen dürfe, so war es für die Boulevard-Gazetten gewiß ein gefundenes Fressen, als das ARD-Magazin „Titel – Thesen – Temperamente“ den Alt-Aktionisten Hermann Nitsch die Osterwoche einläuten ließ. Der Nitsch-typische rituelle Sexualakt mit einer blutübergossenen weiblichen Gekreuzigten wurde von der BILD-Zeitung mit dem Prädikat „Schweinerei“ bedacht, der nicht minder schockierte EXPRESS streifte vollends seine schein-liberale Maske ab und bezeichnete Nitsch als „Porno-Professor“. Hätte nur noch gefehlt, die Anti-Nitsch-Kampagne mit ausländerfeindlichen Parolen zu garnieren (Nitsch ist Österreicher). Aber auch so ist die Stimmungsmache schon unangenehm genug: Wer die Zahl der empörten Anrufer nennt, sollte auch die Zahl derjenigen nennen, die sich nicht empört haben, und wer sich gegen eine mögliche Berufung Nitschs an die Frankfurter Städel-Schule ausspricht, sollte bedenken, daß es nicht Angelegenheit der Boulevardpresse ist, über die Besetzung von Lehrstühlen zu befinden. Man muß sich dagegen verwahren, daß hier mit manipulativen Mitteln die „öffentliche Meinung“ hochgeschaukelt wird, um die für die Berufung Zuständigen unter Druck zu setzen: Hier liegt der eigentliche Skandal. Norbert Blüm immerhin weiß sehr wohl, wann er sich publicityträchtig als Mitherausgeber eines der Blasphemie verdächtigen Buches aufdrängt und wann er zu skandalösen Kunstereignissen wahlkampfwirksam besser…

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