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Titel: Kunsturteil · von Ulli Seegers · S. 88 - 93
Titel: Kunsturteil , 2015

Vom Nutzen und Nachteil des Urteils für die Kunst

Eine unzeitgemäße Betrachtung zur Wertlogik im Kunstmarkt
von Ulli Seegers

Betrachte die Herde, die an dir vorüberweidet:
sie weiß nicht, was Gestern, was Heute ist,
springt umher, frisst, ruht, verdaut, springt wieder,
und so vom Morgen bis zur Nacht und von Tage zu Tage,
kurz angebunden mit ihrer Lust und Unlust, nämlich an den Pflock des Augenblicks, und deshalb weder schwermütig noch überdrüssig.“ 1

Ein wenig neidvoll – so scheint es – blickt Friedrich Nietzsche auf die Tiere, die friedlich um ihn herum grasen. Selbst- und geschichtsvergessen geben sie sich in einem Leben andauernder Gegenwart gänzlich den instinktsicheren und spontanen Vitalkräften hin. Der „Pflock des Augenblicks“ schützt vor der „Last des Vergangnen“ 2 und führt zum „größten Glücke“: zum „Vergessenkönnen oder, gelehrter ausgedrückt, das Vermögen, während seiner Dauer unhistorisch zu empfinden.“ 3 In seiner zweiten Schrift der Unzeitgemäßen Betrachtungen fragt Nietzsche – wohl unter dem Eindruck zunehmender positivistischer Geschichtswissenschaft in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts – nach dem konkreten Nutzen der Geschichte für das Leben. Wirkt sich die Historie mit Blick auf das natürliche „Glück“ der Tiere nicht eher nachteilig für die menschlichen Lebensvollzüge aus? Die Hingabe der eigenen Gegenwart an das Vergangene schien doch Gefahr zu laufen, das Lebendige selbst aus dem Blick zu verlieren: Der Preis für den Erkenntnisfortschritt sei hoch, ja sogar destruktiv, wenn er nämlich zu Lasten von selbst erfahrener Unmittelbarkeit und vitaler Intensität ginge.

130 Jahre nach der Erstveröffentlichung der…


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