Titel: Imitation und Mimesis , 1991

Matthias Vogel

Vom Verschwinden und Erscheinen der Körper auf dem Bildschirm

Lauterkeit und Lügenhaftigkeit des Video

Der schlichte Glaube, künstlerische, einem kleinen Publikum zugängliche Videoarbeiten dienten – im Gegensatz zu den Vorspiegelungen des Massenmediums Fernsehen – zur Selbst- und Welterkenntnis, ist längst in der Krise. Seine Kraft schöpfte der Glaube aus der Tatsache, dass die Videotechnik in der Lage ist, ohne zeitliche Verzögerung Menschen und Dinge auf dem Bildschirm darzustellen. Die simultane Gegenwart von Bild und Abbild, Schöpfer und Schöpfung, so die Überzeugung, lasse bei entsprechender Versuchsanordnung (instant-replay) keine manipulativen Eingriffe zu. Alles, was vom Kameraauge festgehalten werde, müsse so und nicht anders auch ausserhalb des elektromagnetischen Bandes dasein. Auf Simulation und Imitation der Lebenswelt, Verfahren, mit denen uns das Fernsehen stumpf für die unmittelbare Anschauung macht, könne in dem verwandten und doch grundverschiedenen Medium Video verzichtet werden. Denn nicht die grosse Masse, einzelne Gruppen Wacher waren anzusprechen. Dieses Nichtbeachten des Marktes war und ist möglich, weil die Videotechnik wenig handwerkliches Geschick benötigt und billig ist.

Solche Überlegungen verstellten vielen Kunstschaffenden, welche die Videokamera als ihnen adäquates Instrument entdeckt hatten, einen befreiten, Kunst und Leben stimulierenden Umgang mit dem neuen Medium. Auf der Suche nach dem Wirklichkeitsausschnitt, dem Körperteil, der nicht lügt, vergassen viele Künstler, dass gerade in Spiel und Verstellung durch den Schein hindurch die Erscheinung aufleuchtet. Wenn ich im Hinblick auf den Tanz der Bildschirm-Pixel zur alttestamentarischen, auf platonischen Grunlagen fussenden Metapher vom Licht hinter den Lichtern greife, dann nicht deshalb, weil ich religiöse Gefühle verletzen möchte, sondern weil ich überzeugt bin,…

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von Matthias Vogel

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