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Artikel
Magazin · von Stefan Römer · S. 507
Magazin , 2000

Von der Macht der Bilder
(und ihrer Kritik)

Der Strukturalist Roland Barthes wies darauf hin, dass eine sogenannte realistische Darstellung immer schon den Code des Realismus kopieren müsse, um überhaupt als realistisch erkannt zu werden. Wenn Fotografen Bilder von den kriegerischen Auflösungsprozessen des ehemaligen Jugoslawiens liefern – zunächst die Bosnien- und dann die Kosovokrise –, hat diese Form des Dokumentarismus meist eine humanistische Funktion: Die Schrecken des Krieges für eine imaginäre Weltöffentlichkeit sichtbar und somit verurteilbar zu machen.

Dass solche Bilder, wie sie beispielsweise in mehreren Büchern des Fotografen Gilles Peress verbreitet wurden, nun ungeachtet ihrer Intention absolut unterschiedlichen Gebrauchs- oder Interpretationsweisen zur Verfügung stehen, wurde erst in den letzten Jahren verstehbar: Für einige handelt es sich bei solchen Bildern um Dokumente verurteilenswerter Kriegsverbrechen, für andere um Bilder einer gerechtfertigten Vergeltung früherer Taten, und eine dritte Gruppe wird vielleicht ganz andere Bildinterpretationen vornehmen. Die Bilder vom Elend des Krieges konnten nie verhindern, dass sie mittels ihrer medialen Zirkulation zur Warenform eines wie auch immer intendierten piktoralistischen Horrors wurden – aber dies kann sich auch in einen fast unaussprechlichen Horror des Pittoresken umkehren.

Die Tatsache, dass jedoch gerade Bilder, auf denen kaum etwas zu erkennen war, zur Rechtfertigungen sogenannter „humanitärer“ Bombeneinsätze dienten, wie sie vom deutschen Verteidigungsminister im Kosovokrieg verwendet wurden, scheint ein Novum. Wie Mark Terkessidis feststellt, brauchte diese Rhetorik des Traumas bestimmte Bilder. Dieses „‚Fotografie‘ Trauma“ durfte und konnte nicht genau berichten, weil es wenig zu zeigen gab, und weil sich der Schrecken in der optimalen Fernsehkonsumform erst in den Gesichtern, das…

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