Titel: Afrika - Iwalewa , 1993

Paolo Bianchi

Vorwort

Now forget the dead,
forget even the living.
Turn your mind only to the unborn.
Wole Soyinka

Afrika in Europa: Die riesige Migration aus den armen Regionen des Südens wird einerseits die multi-kulturelle Vielfalt der europäischen Gesellschaften steigern. Die grosse Mobilität im gemeinsamen europäischen Markt wird andererseits die Begegnungen zwischen Menschen unterschiedlicher kultureller Herkunft vervielfachen. Europa fällt im 21. Jahrhundert die historische Chance zu, erstmals in der Weltgeschichte eine herrschaftsfreie Auseinandersetzung mit fremden Kulturen zu finden, um so auch von den Anderen zu lernen. Die Vision Europa kann nur in der Öffnung zum Nicht- bzw. Aussereuropäischen hin entstehen. Bei einem Verharren in selbstbezogener Identitätssuche und mangelnder Öffnung gegenüber dem Süden der Welt kann es kein Europa geben. Sind die Beschwörungen von Heimat, Vaterland und Nation aber erst einmal über Bord geworfen, könnte im neu entstehenden Europa das grosse Gefühl einer gemeinsamen politischen Weltkultur heranwachsen. Dieser Transformationsprozess würde zu einer Pluralisierung, Differenzierung und Selbstreflexion der Kultur führen und die europäische Gesellschaft vor das Problem der Konfliktfähigkeit und neuer Wertorientierungen stellen. Ein solch dynamischer Umbruch könnte nicht ohne Krisen abgehen.

*

Die Idee einer Europäischen Gemeinschaft stimmt: statt des Individuellen das Kollektive, statt Abschottung die Annäherung, kurz: die permanente Verschränkung von Eigenem und Fremdem – Vielfalt statt Einfalt, Mannigfaltigkeit statt Beliebigkeit. Der euro-utopische Traum vom vereinten Kontinent ist konfrontiert mit der Vereinzelung der Person in der modernen Kommunikationsgesellschaft, mit der Verlorenheit des Individuums in massenverstopften Millionenstädten (bis zum Jahr 2000 wird die Hälfte der Menschheit in Städten leben) und mit der Verwüstung sozialer…

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von Paolo Bianchi

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