Magazin: Kulturpolitik , 1997

Ingo Arend

Weiter so!

Ästhetische Ratlosigkeit: Lockerungsrituale im Oppositionsghetto

Neulich bekamen wir Post von einer ganz alten Freundin. Sie heißt Friedensbewegung. Und hat sich getroffen. Zu was lud uns die Dame ein, der wir früher aufs innigste verbunden? Zu einem „Ratschlag“. Ein heiliger Schauer durchfuhr uns, als wir lasen, wer sich da auf welche Weise im nördlichsten Nordhessen, einem bekannten Wallfahrtsort der „Marburger Schule“ versammelte. In ihrer ganzen Pracht war die bewegungspolitische Dreifaltigkeit vergangener Jahre wiederauferstanden: „Einleitende Referate“, sittsame „Arbeitsgruppen“ waren angekündigt. Nicht zu vergessen die Schlußpredigt: „Wie weiter?“ Nur das übliche Konsenspapier fehlte diesmal, mit dem man dann nach getanem Ratschlag wie mit der Bundeslade durch die Lande prozessierte. Die leere, aufruflose Zeit ist jetzt vorbei. Erfurt heißt der Ort, an dem sich die Prophezeiung der Zuspitzung erfüllt, die zu erleben dem in den Himmel der Talkshows entfahrenen SPD-Vordenker Peter Glotz nicht mehr gegeben war. Das thüringische Städtchen hatten zahlreiche Intellektuelle in seligem Angedenken an das legendäre, schwer linkslastige Erfurter Programm der SPD vom Ende des 19. Jahrhunderts Mitte Januar 1997 gewählt, um eine „andere Politik“, gar eine „andere Republik“ (Daniela Dahn) zu fordern. Nun kommt sie wieder – die Ästhetik der Akklamation, der symbolischen Konsultation und der härenen Lauterkeit. Nun dürfen wir wieder rastlos Unterschriften sammeln, die Wankelmütigen überzeugen, uns schützend vor die politisch Ausgegrenzten stellen, zur Sammlung rufen, zur Umkehr mahnen: „Steh‘ nicht abseits! Mitbürger! Die Verarmung trifft auch Dich!“ Selbstvergewisserung braucht eben ihre Rituale. Dieses Schicksal teilt die Friedensbewegung mit den „Intellektuellentreffs“ der nicht totzukriegenden „Aktion für mehr Demokratie“…

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