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Kunstforum-Gespräche · von Ronald Berg · S. 323 - 325
Kunstforum-Gespräche , 2014

Wider die Gesetze des modischen Mittelmaßes

Jörg Johnen im Gespräch mit Ronald Berg.

Vor dreißig Jahren eröffnete die Galerie Johnen+Schöttle in Köln. Seit dem Umzug nach Berlin 2004 betreibt Jörg Johnen die Galerie ohne Rüdiger Schöttle weiter. Standort ist seit 2009 ein von Johnen gekaufter Altbau in der Marienstraße nahe dem Bahnhof Friedrichstraße, wo er auch seine Wohnung hat. Damit hat Johnen dem Wanderzirkus der anderen Galerien in der Stadt eine Absage erteilt. Die Wahl für den Standort lässt sich auch als programmatische Aussage lesen: Denn Johnen, Jahrgang 1948, sieht sich und seine Galerie als Außenseiter im Kunstbetrieb jenseits des Mainstreams. Trotzdem kann die Galerie mit einer prominenten Künstlerliste von Martin Boyce bis Liu Ye aufwarten, und sie hat etliche bekannte und weniger bekannte Künstler aus Osteuropa im Programm wie Robert Kusmirowski aus Polen oder Stefan Bertalan und Florin Mitroi aus Rumänien. Gerade wurde die im Hof gelegene Remise als Erweiterung der Galerieräume mit einer Ausstellung des Turnerpreisträgers Martin Creed eröffnet. Im Haupthaus findet derweil die Jubiläumsausstellung statt. Sie zeigt Arbeiten, die ins Frühwerk jener Künstler gehören, die für Johnen und seine Galerie eine wichtige Rolle spielten. Zu sehen sind u.a. Arbeiten von Katharina Fritsch, Rodney Graham, Thomas Ruff und Jeff Wall.

***

Ronald Berg: Wollten Sie eigentlich schon immer Galerist werden?

JÖRG JOHNEN: Das war lange Zeit nicht definiert. Als ich 1984 als Galerist angefangen habe, war der Kunstmarkt noch komplett anders als heute. Damals habe ich das gemacht, weil ich mich für eine gesellschaftliche Vision begeistern konnte. Der Markt war zweitrangig.

Sie haben ja auch zuerst als Journalist gearbeitet.

Ja, und davor war ich kurz beim Museum Ludwig. Eine Beamtenexistenz war mir aber zu langweilig. Dann habe ich geschrieben, für das KUNSTFORUM, Theater heute und die Badische Zeitung. Der Einstieg als Galerist hat sich durch die Freundschaft mit Rüdiger Schöttle ergeben, der seine Galerie schon 1968 in München eröffnet hatte. Johnen+Schöttle startete dann 1984 in Köln.

Das war ja die Zeit der Wilden Malerei.

Das kam gerade in Gang. Die von mir herausgegebenen KUNSTFORUMs-Bände „Goldener Oktober“ [Bd. 65, 1983] und „Res Publica“ [Bd.81, 1985] waren ein Gegenentwurf zu dem damals grassierenden Interesse an der Malerei. Plötzlich waren alle nur noch von Malerei besessen: die Institute, die Kritiker, die Sammler. Das wurde dem Spektrum dessen, was gemacht wurde, nicht gerecht.

Sieht man Ihr heutiges Programm an, so muss man sagen, dass Sie eigentlich nicht für eine spezielle Richtung Partei ergreifen, sei es Minimal Art oder Malerei, oder doch?

Damals in den 80ern entstand ein sehr interessanter Zwischenbereich zwischen abstrakter Konzeptkunst und einer bildhaften Kunst. Und das war genau das, was ich angestrebt habe, eigentlich bis heute. Ich denke an Künstler wie Jeff Wall, Martin Honert, Thomas Schütte, Katharinas Fritsch, Thomas Ruff, Candida Höfer oder Balkenhol. Das sind Künstler, die aus der Konzeptkunst kommen, aber das wieder mit bildhaften Vorstellungen verbinden.

Diese Künstler stammen meist aus Düsseldorf. Wäre es nicht opportun gewesen, dort eine Galerie zu eröffnen?

Nein, der Hype war ja Köln.

Wieso war Köln damals ‚the place to be’?

Es eröffneten eine Reihe neuer Galerien in der Stadt: Max Hetzler, Monika Sprüth, Tanja Grunert, Daniel Buchholz, Esther Schipper. Es gab schon Paul Maenz, Rolf Ricke, Rudolf Zwirner, die Galerie Werner. Düsseldorf hatte zwar Schmela, aber Köln war damals wesentlich spannender. Außerdem traf man dort die breite Sammlerschicht aus dem gesamten Rheinland. Zudem hatte die Messe in Köln schon damals einen sehr guten Ruf und war eine der wichtigsten Messen weltweit.

Vor zehn Jahren sind Sie dann aber doch nach Berlin gegangen. Was waren die Gründe?

Köln stagnierte. Max Hetzler und Esther Schipper gingen schon Mitte der 90er Jahre nach Berlin. Paul Maenz schloss seine Galerie. Die Messe war ganz in den Schatten von Basel getreten. Damals ging eine neue Künstlergeneration in Berlin an den Start. Es war also abzusehen, dass sich in Berlin enorm viel entwickeln würde. Die Stadt war günstig, lebendig, groß und attraktiv, und sie löste Bonn als Hauptstadt, ab. Alles sprach für Berlin.

Erst waren alle in Köln zusammen, dann kam alles nach Berlin. Wie kommt so etwas zustande? Wie entsteht der Hype? Was ist das Wichtigste dabei? Geld oder doch eher Geist?

Köln wurde, bei allem Charme, dann doch zu klein. Berlin wurde Hauptstadt und man fing an, das Potential der Stadt zu entdecken. Es gab enorme Freiräume, eine spannende intellektuelle Szene und eine wachsende internationale Attraktivität.

Sie selbst haben aber kaum Berliner Künstler im Programm.

Nun, Tino Sehgal lebt in Berlin. Ebenso Anri Sala, Olaf Holzapfel und Wiebke Siem, die diesjährige Trägerin des Goslarer Kaiserrings. Andere Künstler, mit denen ich zusammenarbeite, sind öfters in der Stadt, etwa David Claerbout – der hat auch eine Wohnung in Berlin. Ebenso hat sich Stephan Balkenhol hier ein Studio gebaut.

Muss es zwischen Künstler und Galeristen eine besondere Beziehung geben, muss man sich menschlich mögen oder findet man nur die Kunst gut? Oder muss es vor allem geschäftlich stimmen?

Die Chemie muss stimmen. Die Künstler schätzen mein Programm und den noch sehr persönlichen Charakter der Galerie. Und ich muss natürlich die Arbeit der Künstler hundertprozentig gut finden.

Was ist denn die wichtigste Eigenschaft eines Galeristen?

Jeder Galerist ist anders. Es gibt kein Schema. Meine Kollegen sind völlig anders als ich. Ein Schuss Größenwahn schadet sicher nicht.

Würden sie von sich sagen, sie wären erfolgreich?

Ja.

Und wie kommt das?

Da gehört eine gewisse Art von Besessenheit dazu. Ich brauche das existentiell, sonst würde ich das nicht so lange durchhalten, und das mit Erfolg. Mir liegt an künstlerischen Visionen. Deshalb auch der „Goldenen Oktober“ und „Res Publica“, das war ja gesellschaftspolitisch gedacht.

Wenn man die 30 Jahre bis zum Anfang Ihrer Laufbahn zurückblickt, dann muss man sagen: die Kunstszene hat sich unglaublich entwickelt. Es gibt viel mehr Leute, die sich für Kunst interessieren, viel mehr Künstler, mehr Sammler und auch mehr Galeristen. Wie kommt das alles eigentlich? Ist Kunst jetzt ein Massenvergnügen?

Das sind gesellschaftliche Entwicklungen. Ich sehe es so: Die Gesellschaften waren früher extrem militärisch orientiert. Das Militär bildete die Grundstruktur, und in Deutschland ganz besonders. Diese militärische, sehr männliche Durchstrukturierung hat sich nach dem letzten Krieg immer weiter abgebaut. Heute ist es die Kunst, welche das Militär abgelöst hat als Grundstruktur in der Gesellschaft, oder, wie es Peter Sloterdijk formulierte, es gab eine Wende vom Heroismus zum Konsumismus. In der Kunst markiert für mich diese Wende der Generationswechsel von Pollock zu Warhol.

Der Kunstboom als Folge des Pazifismus?

Ja, des Pazifismus, der Feminisierung und des Wohlstandes. Kunst, Mode, Wellness, Yoga sind heute die sozialen Bindemittel in der Gesellschaft.

Avantgarde ist ja eigentlich ein militärischer Begriff. Doch die hat sich offenbar totgesiegt. Früher konnte man ja auch noch gegen etwas kämpfen. Das scheint vorbei. Heute gibt es keine Fronten mehr. Ist denn dann die Kunst heute insgesamt affirmativer geworden?

Durch die heutige Massenproduktion von Kunst entsteht natürlich überwiegend harmloses Mittelmaß. Das kommt und geht mit den Modetrends, befriedigt die Medien und bietet den Sammlern einen modischen Kick, vernebelt aber leider immer wieder den Blick auf substantiellere Positionen.

Welches Segment besetzt dann die Galerie Johnen darin?

Fast alle meine Künstler sind erfolgreich, verstoßen aber dennoch gegen die Gesetze des modischen Mittelmaßes. Jeder auf seine Weise. Denken Sie nur an Tino Sehgal. Er gehört zu den international erfolgreichsten Künstlern seiner Generation und stellt gleichzeitig ganz neue Spielregeln auf für den Kunstbetrieb auf. Das stellt vieles in Frage und ist unbequem.

Sind die von Ihnen vertretenden Künstler dann eher kompliziert oder doch eher kritisch?

Beides. Zum Beispiel auch Jeff Wall. Einerseits ist er einer der international anerkanntesten Künstler. Trotzdem ist er nie ein Mainstream-Künstler geworden, weil seine Inhalte komplex und oft düster sind. Jeff Wall hat ein ästhetisches Widerstandsmoment gegen Glätte, alles Schicke und Dekorative. Seine Bilder sind in sich unglaublich virtuos komponiert, aber sie haben doch immer etwas Abgründiges, Dunkles, psychisch Aufgeladenes.

Hat es nicht beim Einfluss auf den Kunstbetrieb eine Verschiebung zugunsten des Sammlers gegeben?

Früher haben der Klerus und der Adel die Kunst gefördert und beeinflusst. Im 19.Jahrhundert kam dann das Bürgertum, das eine enorme Befreiung und auch revolutionäre Dynamik in die Kunst brachte. Heute gibt es eine breite, einflussreiche Sammlerschicht, doch die revolutionäre Dynamik hat sich vorwiegend in Smalltalk aufgelöst. Doch das Museum spielt als Archiv immer noch eine wichtige Rolle, wenn auch die Sammler immer mehr bestimmen, was ins Archiv kommt.