Magazin: Publikationen , 1997

Wie ein Medium eine Krankheit produzierte

»Erfindung der Hysterie« von Georges Didi-Huberman

Salpetrière war eine Stadt der Frauen, ein Verwahrungsort für 4000 weibliche Insassen, die man als verrückt bezeichnete oder einfach loswerden wollte. Georges Didi-Huberman bringt mit seiner ausgezeichnet recherchierten Arbeit das traurige Los dieser Frauen in der zweiten Hälfte des 19. Jhs. wieder ans Licht. Er scheint dabei die Überlegungen Michel Foucaults an einem zentralen Punkt weiterführen und belegen zu wollen. Dabei geht es ihm nicht allein um eine Schilderung der menschenunwürdigen Zustände und Handlungen in dieser psychatrischen Klinik, sondern auch um den Beitrag, den eine neue Bildtechnologie, die Fotografie, dazu lieferte. Er stellt einen direkten Zusammenhang zwischen dem Mißbrauch eines Mediums und der Mißhandlung der Abgebildeten fest.

Der Psychiater Jean-Martin Charcot wollte Karriere machen und endlich die Hysterie „objektiv“ – hier wortwörtlich mit einem Kameraobjektiv – nachweisen. Das Resultat war eine „Iconographie photographique de la Salpetrière“. Die Klinik wurde zur Bilderfabrik. Die Suche der Kamera galt der körperlichen Differenz: Wie unterscheidet sich eine Hysterikerin von anderen Personen? Mit der Hilfe der Fotografie als Realitätsverweis konnten die Ärzte eine „Krankheit“ in Szene setzen und gleichzeitig als Beweis dafür verwenden. Um diese „Paradoxie der Grausamkeit“ geht es Georges Didi-Huberman, wenn er sein Buch „Erfindung der Hysterie“ nennt. Denn ließ sich eine Patientin im Sinne des Psychiaters in hysterischer Gestik ablichten, so hatte sie sein Interesse geweckt und wurde besser als andere Patientinnen behandelt.

Der Autor fragt anhand des gesammelten historischen Materials: „Wie ist ein Körper für einen anderen zum experimentellen Objekt geworden, zum experimentierbaren,…

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von Justin Hoffmann

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