Ausstellungen: Dresden · von Johannes Wendland · S. 270
Ausstellungen: Dresden , 2008

Johannes Wendland

Wir sind immer für euch da

Über das Versprechen der Generationen

Kunsthaus Dresden, 10.5. – 13.7.2008

Wie alle Familiengeschichten hat auch die von Anna Faroqhi ihre blinden Flecken. Zu den beschwiegenen Punkten gehört die Biographie ihres Großvaters, des in Indien geborenen Arztes Abdul Qudus Faroqhi, der 1921 als junger Mann nach Deutschland kam. Er starb, als Anna gerade zwei Jahre alt war. Mehr als die üblichen Überbleibsel eines Verstorbenen wie Brille, Reisepass und Kleidungsstücke hatte die Berliner Autorin und Videokünstlerin nicht in der Hand, als sie auf Spurensuche ging. Dabei erschloss sich ihr eine für das 20. Jahrhundert nicht untypische Migrationsgeschichte. Die Sympathie des Großvaters für die Nazis aus Ärger über die Briten war nur einer der Knackpunkte auf diesem Lebensweg, der über Indien und Indonesien in den 1950er Jahren zurück nach Deutschland führte.

Trotz allem war es „ein gewöhnliches Leben“, wie der Titel des Videos lautet, in dem die Künstlerin ihre Recherchen verarbeitet hat. Neben wenigen Fotos bilden vor allem Zeichnungen das Material: skizzierte Darstellungen von Personen, Dingen sowie von privaten und zeitgeschichtlichen Ereignissen, die – wie etwa der Fackelzug der Nazis am 30. Januar 1933 durchs Brandenburger Tor – direkte Auswirkungen auf die individuelle Biographie hatten. Als Kommentar verwendet der Film statt eines schlichten Voice-overs Texttafeln, die von einer Frauenstimme emotionslos abgelesen werden. So gelingt es der Künstlerin, Distanz zu ihrem Material aufzubauen. Was nötig erscheint, schließlich geht es hier hautnah um ihre eigene Familie.

Dieses Nähe-Distanz-Problem durchzieht viele der Arbeiten, die Susanne Weiß für die Ausstellung „Wir sind immer für euch da“ im Kunsthaus Dresden versammelt hat. Es geht um das Mit- und Gegeneinander der Generationen, und das ist ein Thema, bei dem Künstler häufig auf die eigene Familie zurückgreifen. Die Ausstellung spart dabei das Eltern-Kind-Verhältnis aus und konzentriert sich ganz auf das zu den Großeltern. Zu sehen sind Arbeiten von 17 Künstlerinnen, Künstler und Künstlergruppen, in denen Fragen nach Fremdheit und Vertrautheit, Intimität und Abgrenzung verhandelt werden.

Viele Arbeiten haben einen direkten Zugriff. Die Großeltern treten auf als Interviewpartner, wie im Video „Großvater – Wo komm ich her, wo geh ich hin?“ (1992) von Katja Baumgarten oder in der Audio-Collage „Da denk ich, och“ (2007) von Maja Linke, oder als Fotoobjekt wie in der über vier Jahre entstandenen Serie „Ana und Constantin“ der aus Rumänien stammenden Künstlerin Raluca C.E. Blidar oder den gewagten Porträts „MM“ (2005-2007) von Paula Muhr, in denen die Großmutter in selbstbewussten Posen nackt oder in Unterwäsche dargestellt ist. Ein Zyklus, begleitet von knappen, subjektiv-biographischen Texten, der sich offensiv mit der oft verdrängten Sexualität alter Menschen auseinandersetzt.

Pointiert erscheint das knapp sechsminütige Video „I’m leaving“ des indischstämmigen, in New York lebenden Künstlers Gautam Kansara. Die starr auf den Mittagstisch im großelterlichen Haus gerichtete Kamera hält das Gespräch fest, das sich aus der Mitteilung des Enkels an seine Großeltern entspinnt, er würde am folgenden Tag wieder abreisen. Der Großvater, offensichtlich schwerhörig, mag diese Tatsache minutenlang nicht wahrhaben, während die Großmutter abzuwiegeln versucht. Amüsiert verfolgt man den fast dadaistischen Dialog, der zugleich zeigt, wie sich Rollen innerhalb einer Familie in der fortschreitenden Zeit verkehren, wie Großeltern nach und nach dieselbe nachsichtig-genervte Rücksichtnahme von ihrer Umgebung einfordern, wie es früher einmal die Kinder getan haben.

Schließlich bleibt auch der Tod nicht ausgespart in dieser Ausstellung, der es gelingt, präzise am Thema zu bleiben, ohne die gezeigten Werke didaktisch einzuengen. Die Arbeiten von Grit Hachmeister und Uta Neumann thematisieren auf unterschiedliche Weise jene Situation, in der Enkel oftmals noch einmal völlig neu mit dem Leben ihrer Großeltern konfrontiert werden: beim Ausräumen der Wohnung nach deren Ableben. Um dieses Gefühl der Leere irgendwie zu füllen, belebt Grit Hachmeister die Wohnung ihrer verstorbenen Großmutter mit Puppen, die auf Küchenstühlen sitzen oder dem Sofa liegen. Ihr Fotoprojekt „Frieda Krüger oder Puppen sterben nicht“ stößt bei älteren Betrachtern mitunter auf Unverständnis. Jüngere können den Impuls hingegen nachvollziehen, die Stille der jetzt unbewohnten Wohnung irgendwie zu füllen.

Das Verhältnis der Generationen bietet viel Stoff, oft auch Konfliktstoff. Ein Verdienst der Dresdner Ausstellung ist, dass sie einem typisch familiären Verhaltensmuster nicht verfällt: Verschwiegen wird hier nichts.

Im Rahmen einer Kooperation findet in der Neuen Gesellschaft für Bildende Kunst Berlin von 26. Juli bis 31. August die Ausstellung „Ein Leben lang“ statt. Begleitend entsteht ein gemeinsamer Katalog.

von Johannes Wendland

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