Titel: Grenzenlose Skulptur , 2014

Ursula Ströbele

Zeit-Skulpturen

Statuarik und Widerstandsfähigkeit – dies sind seit jeher die Hauptmerkmale klassischer Skulptur. Stein, Bronze, später auch Stahl trotzen den Stürmen der Zeit und deren unausweichlicher Verwitterung. Mit der Zunahme ephemerer, transluzenter, flüssiger Materialien und der Verwendung akustischer, pyrotechnischer, auch lebend-organischer Elemente befreit sich die Skulptur vom Topos der fixierten statua, damit von ihrer traditionellen Dauerhaftigkeit (durata). Rauch, Nebel, Wasser, Klang, hautartig dehnbare Folien oder bewegliche Körper erweitern das Spektrum bildhauerischer Praktiken. Diese dynamischen Materialien verändern sich im Moment ihrer Zurschaustellung.

Was bedeutet es für unser Verständnis von Skulptur, wenn die schottische, in Berlin lebende Turner-Preisträgerin Susan Philipsz ihre immateriellen, ephemeren Sound-Arbeiten als skulpturale Werke begreift? Für ihre ortsspezifischen Installationen singt sie a capella auf Bahnhöfen, unter Brücken, in Supermärkten und Museen oder lässt klassische Musik, aufgefächert in einzelne Töne über eine Vielzahl von Lautsprechern erklingen, wie zuletzt in Kompositionen von Hanns Eisler im Hamburger Bahnhof (Part File Score, 2014). Die durch Philipsz modellierten Klänge hüllen den Betrachter ein, breiten sich im Raum aus und besetzen diesen wie eine unsichtbare, nicht zu greifende Skulptur, die individuelle Erinnerungen weckt, ihre Umgebung atmosphärisch prägt. Auch Janett Cardiffs und George Bures Millers Projekt Forest (for a thousand years), das sie für die Documenta 2012 in der Kassler Karlsaue realisierten, thematisiert die plastischen Eigenschaften einer als Stadtportrait angelegten Collage aus unterschiedlichen Geräuschen und Musikfragmenten, die den Rezipienten an fremde Orte entführte.

Solche sich nur momenthaft formenden, wieder verflüchtigenden Skulpturen sprechen mehrere sinnliche Ebenen an und fordern zu einem „leiblichen Sehen“1 auf. Sie entfalten sich erst…

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von Ursula Ströbele

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