Ausstellungen: Berlin · von Hermann Pfütze · S. 296
Ausstellungen: Berlin , 2009

Hermann Pfütze

Zerstörung und Klarheit

„Kassandra. Visionen des Unheils 1914-1945“

Deutsches Historisches Museum, 19.11.2008 – 22.2.2009

Die Ausstellung versammelt etwa 350 Werke, die die europäische Katastrophe thematisieren. Ihre Leitmotive sind Warnung und Vision. Bis 1933 überwiegen politischer Protest und Warnung vor dem Krieg, danach „kulturpessimistische Endzeitvisionen“(Katalog, S.26), persönliche Erfahrungen und Ängste. Allerdings ist die Blickgeschichte der Werke doppelt gestört. Die eindeutigen Bilder der kritischen Warner und linken ‚Kassandras‘ wie Hans und Lea Grundig, George Grosz, John Heartfield, Leo Haas, Käthe Kollwitz und Karl Hubbuch, wollte die Mehrheit in den 20er Jahren nicht sehen und wahrhaben, und die düsteren Visionen z.B. Karl Hofers, Max Beckmanns, Felix Nussbaums, Edgar Endes oder Richard Oelzes konnten nach 1933 kaum mehr öffentlich gezeigt werden.

Exemplarisch dafür sind zwei unbekannte Meisterwerke aus Privatsammlungen, die hier zum ersten Mal gezeigt werden: Gerd Heinrich Wollheims „Der Verwundete“ von 1919 und Hans Feibuschs „Der Trommler“ von 1934. Wollheim malte seine 1917 erlittene Bauchschußverletzung und den bis in die Haar- und Zehenspitzen schockverspannten, nackten Körper so drastisch, daß das Bild nach Protesten sogar aus der „Ausstellung für kriegsgeschädigte Künstler“ 1920 entfernt werden musste. Feibusch floh 1933 als Jude nach London. Sein „Trommler“ ist absolut gegenwärtig und von so stimmiger tönender und malerischer Wucht, daß die anderen Trommlermotive in der Ausstellung dagegen anekdotisch wirken.

Die meisten der hier zum ersten Mal so dicht versammelten Werke fanden erst in den 50er und 60er Jahren in Ost und West ein wiederum geteiltes Publikum. In der DDR war diese Kunst des Mahnens und Ahnens mit der Realismus-Doktrin vereinbar, in der…

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