Magazin: Publikationen , 1997

Zur Aktualität der Kantschen Ästhetik nach der Postmoderne.

In Architektur, Kunst und ästhetischer Theorie der Postmoderne ist, seit den 80er Jahren, der Konflikt zwischen dem Schönen und dem Erhabenen auf eine neue Weise reflektiert und programmatisch genutzt worden. Jean-François Lyotards Vortrag ‚Das Erhabene und die Avantgarde‘ hat 1983 im Rekurs auf Barnett New-man die Kategorie des ‚Jetzt‘ erörtert und deutlich gemacht, daß die Wirkungen des Erhabenen vom Kunstwerk auf die Möglichkeiten des Rezipienten und die Kapazitäten der Wahrnehmung übergreifen. Einen vorläufigen Endpunkt solcher Überlegungen markiert der vor wenigen Jahren erschienene und umgehend ins Deutsche übersetzte Versuch desselben Autors, die Problematik des Erhabenen in einer nochmaligen Lektüre von Kants ‚Analytik des Erhabenen‘, verstärkt auch im Hinblick auf die inneren Brüche, die Inkompatibilitäten zu untersuchen, die nicht das Erhabene in der Wahrnehmung des Betrachters provoziert, sondern die Theorie selbst – Beispiel einer Re-Lektüre, die Lyotards Konzept einer ‚Redaktion der Moderne‘ auszeichnet. Tatsächlich ist das Erhabene immer für eine Restrukturierung der Sinne und die harmonische Form des Zusammenspiels von Sinnen und Kategorien beansprucht worden, wenn auch nicht im aktuellen ästhetischen Erleben, dann doch ex post und gewiß triumphal in letzter Instanz. Wie auch immer die Erschütterungen ausfallen mögen, die durch die un- oder außermenschliche Dimension des Erhabenen unseren Sinnen aufgezwungen werden – ob als Unendlichkeit des Kosmos, Einfall des Häßlichen, Unüberwindlichkeit des Ekels, Faszination an tabuisierter Gewalt etc. -, die Wirkung des Erhabenen wirft mindestens bei Kant noch nicht das Subjekt derart durcheinander, daß es völlig dekonstruiert oder außer Kraft gesetzt, also wahnsinnig geworden…

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von Hans Ulrich Reck

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